Wahnsinnen

Übrigens, Ihrem Ansinnen, bin ich nach reiflicher Überlegung nachgekommen.

Wie bitte?

Ja, das tat ich. Keine Ursache. Nur keinen Dank!

Sie taten was?

Ich kam ihm nach.

Wem?

Ihrem Ansinnen. Ich instruierte bereits Fräulein Maus, Ihnen einen positiven Bescheid zu senden.

So, so. Wegen meines Ansinnens?

Genau. Warum fragen sie?

Nun, ich erinnere mich gar nicht daran.

Woran?

An das Ansinnen, dem Sie, wie Sie gerade berichteten, nachkamen.

Ach so, ja – ich erinnere mich. Aber es war doch Ihr Ansinnen, dem ich nachkam, nicht wahr?

Ich weiß nicht, aber ich glaube schon…

Na, sehen Sie.

Aha. So, so. Ich sann also an.

Mh?

Ich sann an…?

Wie bitte?

Nichts, ich überlege nur laut. Ich versuche mich zu erinnern.

Woran?

Was ich ansann. Oder sagt man dann „wessen“?

Ich verstehe nicht.

Ich muss doch etwas angesonnen haben, dessentwegen Sie meinem Ansinnen nachkamen.

Ja, das stimmt. Das wird wohl so sein.


Jetzt helfen Sie mir doch! Worum ging denn es in Ihrem Nachkommen?

Meinen Nachkommen?

Ja. Sie sagten doch gerade, Sie seien meinem Ansinnen nachgekommen. Worum handelte es sich denn dabei?

Wobei? Bei meinem Nachkommen oder Ihrem Ansinnen?

Das ist ja wohl jetzt völlig egal!

So? Wenn es Ihnen ganz egal ist, warum reagieren Sie dann so gereizt? Ich weiß wirklich nicht was in Ihnen vorgeht!

Sie haben völlig recht, verzeihen Sie. Ich bin wirklich unhöflich. Schließlich sind Sie dem ja nachgekommen, nicht war?

Richtig, richtig. Das tat ich wohl. Fräulein Maus wird Ihnen ja bald den positiven Bescheid überstellen.

Fein, fein, fein…

Wie meinen?

Nichts, nichts, ich sann nur nach.

Ach, immer noch wegen Ihres Ansinnens?

Ja doch! Bitte helfen Sie weiter! Was genau war es denn nun?

Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen.

Wie bitte? Warum das denn nicht?

Ich kann mich Ihres Ansinnens einfach nicht entsinnen.

Sehen Sie, Sie wissen es doch.


Was? Ich?  Niemals.

Ja, ja, Sie. Sie wissen es doch.

Was weiß ich doch? Was wollen Sie mir da anlasten?

Sie wissen sehr wohl, was in mir vorgeht.

Aber, das wüsste ich doch. Ich wüsste doch, wenn ich was wüsste!


Immerhin wissen sie genau so wenig wie ich, was mein Ansinnen war.

Ok. Das ist leider wahr.

Dann erklären Sie mir doch einfach Ihr Nachkommen.

Mein Nachkommen?

Ja, sicher! Dann werde ich mich bestimmt meines Ansinnens entsinnen.

Ach so.

Ja, so. Also?

Wie, also?

Verraten sie mir nun, worum es bei Ihrem Nachkommen geht?

Ich – glaube – nicht.

Wie, Sie glauben nicht? Sagen Sie, wollen Sie mich ärgern?

Ich – will – das – nicht.


Was ist denn dann jetzt los?

Gar nichts. Ich – kann – das – nicht.

Wie bitte? Warum denn nicht?

Ich – weiß – es – nicht.

Das weiß er nicht. Dies kann er nicht. Jenes will er nicht und manches glaubt er nicht! Sie machen mich bald rasend, Mann!

Ich kann mich eben auch nicht entsinnen. Weder an ihr ominöses Ansinnen, noch an Details meines angeblichen Nachkommens.

Das ist doch die Höhe!  S i e  hatten mir doch eingangs mitgeteilt, Sie seien meinem Ansinnen nachgekommen!?

Ja, sicher!

Wie, ja sicher? Gerade noch schilderten Sie ihre Unwissenheit und jetzt sind Sie sicher? Was, um Himmels Willen, ist mit Ihnen los?

Ich – weiß – es – nicht.

Na, prima! Ich fasse zusammen: Sie sind sich sicher, dass sie nichts wissen.

Nicht ganz…

Nicht ganz, was?

Ich weiß, dass Fräulein Maus Ihnen einen positiven Bescheid zusenden wird.

Woher?

Von hier.

Ich meine, woher wissen sie das?

Sie hat ihn mir doch vorgelegt.


Wen?

Na, den positiven Bescheid. Sie legte ihn mir ja schließlich zur Unterschrift vor.

Jetzt kommen wir der Sache näher! Und weiter?

Wie, weiter?

Was stand drin?

Ach so, das weiß ich doch eben nicht.

Geht das schon wieder los?

Nein, nichts geht schon wieder los. Ich hab es unterschrieben und basta.

Wie, und basta? Sie haben es nicht gelesen. Haben Sie es gelesen oder haben Sie es nicht gelesen?

Warum sollte ich das tun?

Na, hören Sie mal! Sie unterschreiben Sachen, die sie nicht gelesen haben? Das glaube ich ja wohl jetzt nicht! Ich denke, man sollte lesen, was man unterschreibt.

Nicht unbedingt. Sie ahnen nicht, wie viele Schreiben ich täglich zu unterzeichnen habe!

Vermutlich nicht. Und weil es so viele sind, die Sie täglich unterzeichnen müssen, lesen Sie sie erst gar nicht?

Ich habe Ihren Bescheid ungelesen unterschrieben, weil er positiv war.

Wie können Sie das wissen? Sie haben doch nicht darin gelesen!

Fräulein Maus legt es mir so vor. Getrennt voneinander. Vormittags die negativen und kurz vor Dienstschluss die positiven Bescheide.

Lesen also die negativen Bescheide und die positiven nicht?

So ist es.

Warum lesen Sie denn die negativen?

Na, da muss ich eben aufpassen. Das könnte schlecht für uns ausgehen.

Wirklich? Ist das so?

Na, klar. Deshalb sagt man ja „negativ“.

Und die positiven?

Machen Sie Scherze? Die gehen doch gut für uns aus. Deshalb  sagt…

…man ja „positiv“. Ich weiß!

Sehen Sie.

Aber, wenn eine Sache für Sie gut ausgeht, ist es dann nicht für den anderen eher schlecht?

Das ist ausgleichende Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit! Wie können Sie mir dann so fröhlich mitteilen, dass Sie meinem Ansinnen positiv nachgekommen sind?

Das habe ich Ihnen doch gerade erklärt: weil ich es nachmittags unterzeichnet habe.

Da habe ich verstanden. Das – ist – eine – Katastrophe!

Für Sie vielleicht. Worum ging es denn bei Ihrem Ansinnen?

Das habe ich doch vergessen! Darum geht es die ganze Zeit! Und wissen Sie was? Jetzt will ich es auch nicht mehr wissen, Sie Halunke! Sie können mich mal kreuzweise! Guten Tag!

Was gibt es doch für unhöfliche Zeitgenossen. Fräulein Maus, bitte bringen Sie mir die Unterschriftenmappe.

© Reimund Vers

 

Veröffentlicht von

Reimund Vers

Dichter, Denker und Geschichtenverschenker

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