Das Todesurteil und Brief an den Tod

Mit einem lauten Schrei
erwachte ich aus einem Albtraum,
in welchem ich geträumt hatte,
dass alles nur ein Albtraum sei.

Ich träumte, in Wahrheit
wäre das alles normal.
Der Himmel über mir und um mich herum
alle diese lieben Menschen.
Ich träumte, ich ging.
Ich ging
und ging überall hin.
Ohne Ziel und
ohne Grenzen.

Dann aber erwachte ich und
sah die immer gleiche Zimmerdecke,
sah die immer weißen Wände,
fühlte die immer harte Liege,
sah den immer leeren Stuhl und
sah den immer leeren Tisch.

Und ich fühlte, dass es schon
so lange so wahr war.
Und ich wusste,
dass ich noch nie wusste,
warum.
Warum ich?
Warum hier?
Warum trifft es mich
und nicht den Mann vor der Tür?

Der Mann vor der Türe lachte,
Ja, ja. Das kennen wir ja!
Diese Träume hat hier jeder,
wenn der Tag gekommen ist.

Der Tag ist gekommen?
Für mich ist der Tag gekommen?
Was heißt das? Der Tag ist gekommen.

Das heißt, dass Sie heute
etwas ganz besonderes
zum Essen bekommen.
Haben Sie dazu einen
bestimmten Wunsch?

Essen? Wieso essen?
Wie könnte ich essen,
wo doch der Tag gekommen ist?
Und was heißt das eigentlich?
Der Tag ist gekommen.

Es ist Ihr Tag. Ihr besonderer Tag.
Entscheiden Sie sich für ein Festmahl.
Sie dürfen auch mit jemanden reden.
Möchten Sie einen Geistlichen sprechen?

Ja, reden wir denn nicht?
Was geschieht an meinem besonderen Tag?
Reden Sie! Reden Sie mit mir.
Mit wem sollte ich denn sonst reden?
Ich kenne doch hier niemand anderen.

Ich kann dazu nichts sagen.
Möchten Sie einen Rabbi sprechen?

Einen Rabbi? Wozu sollte ich
mit einem Rabbi sprechen?

Ich kann dazu nichts sagen.
Möchten Sie einen Priester sprechen?
Einen Pfarrer? Einen Mönch? Einen Guru?

Einen Guru? Ich soll mit einem Guru sprechen?
Mit einem Priester, Pfarrer oder Mönch?
Sagen Sie, muss ich sterben?
Soll ich deshalb mit den Geistlichen sprechen?
Muss ich sterben?

Ich kann dazu nichts sagen.
Wir haben auch einen Psychologen.

Ich glaube es nicht.
Ich kann es einfach nicht glauben.
Ich glaube ohnehin nichts.
Um Himmelswillen, holen Sie
den Psychologen!
Vielleicht kann der wenigstens
meinen Verstand retten.

Wie geht es Ihnen heute?
Wie läuft der Tag?

Wie mein Tag läuft?
Spitze! Ich sterbe heute!
Davor bekomme ich etwas
wirklich Ausgezeichnetes zu essen.
Mir geht es prima.
Es könnte nicht besser sein!

Das klingt doch gut.
Warum bin ich hier?
Worüber wollen Sie mit mir reden?

Warum Sie hier sind?
Es geht doch viel mehr darum,
warum ich hier bin!
Also, warum bin ich hier?
Ach so, und wo Sie gerade hier sind:
Können Sie meinen Verstand retten?

Heute ist Ihr Tag. Das bedeutet,
Sie werden heute sterben.

Das habe ich bereits selber
herausgefunden, vielen Dank!

Bitte, gern.

Aber warum? Was habe ich getan?

Nichts.
Dafür mussten Sie nichts tun.

Hören Sie, ich drehe gleich durch.
Ich weiß nicht, wie ich hier hergekommen bin,
nicht, wie lange ich schon hier bin.
Ich hatte kein Verfahren und bis heute keine
Anklage. Woher stammt dieses
verdammte Todesurteil?
Und nun zum Mitschreiben:
Was – habe – ich – falsch – gemacht?

Nichts.
Sie wurden weder beschuldigt noch verurteilt.
Ist das nicht eine gute Botschaft?

Sie verstehen das nicht, Mann!
Du liebe Güte! Und so etwas ist Psychologe!
Es muss doch einen Grund geben.
Für so etwas gibt es immer einen Grund.
Sagen Sie mir, seit wann feststeht,
dass ich sterben soll!

Ok. Ich denke, das kann ich ihnen sagen.

Na, also! Warum nicht gleich so?
Schießen Sie los!

Bevor ich Ihnen eine exakte Antwort geben kann,
benötige ich noch Ihr Geburtsdatum.
Wann sind Sie geboren?

Selbst im Angesicht des Todes
sind Sie übertrieben bürokratisch.
Sehe ich wie ein Betrüger aus?
Benötigen Sie noch meine Postleitzahl,
zum Abgleich?

Nein, das ist kein Formalismus.
Sie werden es sehen.
Also,  wann ist Ihr Geburtstag?

Am achten Februar Neunzehnhundertfünfundsechzig.

Dann steht Ihr besonderer Tag,
Ihr Tod,
seit einundachtzig Jahren,
vier Monaten
und 16 Tagen fest.
Noch Fragen?

Ja.
Was ist das hier?
Der Raum.
Dieses Gefängnis.

Das ist Ihre Art, damit umzugehen.
Sie baten mich doch darum, Ihren
Verstand zu retten. Warum gestalten
Sie nicht erst einmal den Raum um?
Versuchen Sie einmal mit ein bisschen Farbe.

Wie bitte?

Ja, probieren Sie es aus!
Es ist Ihre Phantasie, nicht meine.
Ich bin hier nur der Psychologe.
Und während Sie
auf Ihre leckere Mahlzeit warten,
nehmen Sie Papier und Stift und
schreiben Sie dem Tod
einen Abschiedsbrief.

Brief an den Tod

Da warst Du ja. Von Anfang an.
Ich konnte Dich bloß nicht ertragen.
Doch jetzt komm´ ran und hole mich
Ich muss nicht mehr verzagen.
Wohl, weil Du es selber bist,
und nicht nur einer
Deiner Schatten.

Außerdem hatten wir
schon ohne Dich begonnen,
mein Leben und ich.
Ich wurde geboren und
schon war es zerronnen

Ich stotterte es ab.
Ich zahlte in Raten, und spielte auf Zeit.
Bis heute starb ich oft
schon aus Angst
vor meiner Zahlungsunfähigkeit.

Oder aus Angst
vor dem Sterben der Arten,
vor Krieg und Atom, um den Job.
Angst, nichts zu erben
und der Arbeit im Garten.
Angst, zu verlieren,
Angst, zu gewinnen,
Angst, irgendetwas zu kapieren
Angst, endgültig zu spinnen.

Ein Teil von mir starb mit Mutter und Vater,
ein Teil von mir starb mit unserem Kater,
ein großer Teil mit der älteren Schwester
und mit zwei Freunden.
Und ein Teil stirbt noch immer an jedem Sylvester.

Immer
und immer wieder
starb ich durch das Ende einer Liebe,
starb aus Mangel an Vertrauen,
vor Trauer und vor Einsamkeit.
Ich vertrocknete, verdurstete und verhungerte.
Ich ertrank, verbrannte und erstickte.

Ich starb vor Angst, und vor Wut.
Vor Durst und Hunger kam ich um.
Vor Lust und Gier verging ich schlicht.
Heute weiß ich nicht genau warum,
doch gut:
Vor Langeweile starb ich nicht.

 © Reimund Vers

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Veröffentlicht von

Reimund Vers

Dichter, Denker und Geschichtenverschenker

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