Klopf, Klopf! Was ist? Machst Du nicht auf?

Klopf, klopf!

Was ist? Machst Du nicht auf?

Klopf, klopf!

Oh je!
Es ist wieder mal Dein Leben.
Steht wie ein kleines Kind an der Tür.
Versucht ein weiteres Mal, Dich abzuholen.
Was nun?

Still! Ja, still!
Jetzt lieber nicht bewegen!
Weht nicht einmal ein leiser Wind in Dir?
Verfluchst Du Dich? Ein weiteres Mal, verstohlen?
Was wirst Du tun?

Klopf, klopf!

Öffnest Du, gehst über die Schwelle hinaus?
Du bist nicht mehr sicher, wohin es Dich führt.
Vielleicht geht es Dir ein wenig zu weit!
Dein Leben, Dein eigenes Leben!

Möglich ist, dass Du Dir selber vertraust.
Es hat Dich ja bisher und hier hergeführt.
Ein leichter Spaziergang, ein Weg nur zu zweit,
kein Streben, kein Bleiben, kein Kleben.

Klopf, klopf!

Jetzt, bloß nicht husten, bloß nicht niesen!
Da ruft es nach Dir, Dein kleines Leben:

„Ein kleiner Rundgang! Nur wir zwei! Ganz fest versprochen!
Nur einmal kurz umsehen, im Hellen, im Glück!
Ist angst und ist bang´ Dir, wird gleich abgebrochen.
und ich bring Dich auf der Stelle zurück,

dorthin, wo Du jetzt auch stehst
und Du kannst wieder schließen!“

Klopf, klopf!

Was ist? Machst Du nicht auf?

© Reimund Vers

Neulich bei BECKMANN

BECKMANN: …dann sind Sie von Beruf also Astronom. Das ist interessant. Das ist spannend. Das ist ja kein Allerweltsberuf. Oder ich formuliere es einmal so: Nicht sehr viele – vermutlich nicht sehr viele – üben diesen Beruf aus. Die Zuschauer werden sich fragen, womit Sie sich den lieben langen Tag beschäftigen.

GAST: Nun, ich…

BECKMANN: Was macht ein Astronom? Was treibt er? Was treibt ihn an? Was muss er in seinem Job aushalten? Wie fühlt sich das an? Was ist das überhaupt für ein Job? Ist es nur ein Job? Ein Job wie jeder andere?

GAST: Nun, ich beschäftige mich…

BECKMANN: Ja, genau. Diese Frage stellt sich. Sie drängt sich geradezu auf und stand vermutlich bereits unausgesprochen in diesem Raum. Was genau also beschäftigt einen Astronom?

GAST: Also. Ich beschäftige mich zum Beispiel mit der Entfernung der Sterne…

BECKMANN: Die Entfernung der Sterne. Ist das wahr? Lassen Sie uns dem ein wenig auf den Grund gehen. Astronomie. Was wissen wir darüber? Was fällt einem als normal gebildeter Bürger dazu ein?  Das kennen die meisten noch aus der Schule: Astro kommt aus dem Griechischen und bedeutet Stern. Nomen est Omen, sagen die Lateiner. Ha, ha. Müssten da nicht erst einmal alle Sterne einen Namen bekommen?

GAST: Ja, wissen Sie, die Astro…

BECKMANN: Wissen Sie, ich habe da so eine Vorstellung vom Beruf des Astronomen vor Augen. Eine bildhafte Vorstellung, in der ein Astronom durch sein Teleskop schaut, dabei neue Sterne entdeckt und ihnen Namen gibt. Ein Klischee vielleicht? Sehe ich das richtig? Sollte ich – sollten wir alle vielleicht – unser Bild, das wir vermutlich alle noch haben, sollten wir unsere Vorstellung vom Beruf des Astronomen erneuern?

GAST: Ja, sehen Sie, die Astronomie ist ja schon längst nicht mehr nur eine beobachtende Wissenschaft. Der Entfernung der Sterne kommt eine große Bedeutung zu, wenn man bedenkt, das unsere Aufgabe…

BECKMANN: Das ist stark. Davon hatte ich nicht die geringste Vorstellung. Astronomie. Die Entfernung der Sterne. Da sprechen wir von großen Dimensionen. Das klingt nach einer Mammutaufgabe. Wir sollten versuchen, unseren Zuschauern eine intensivere Vorstellung davon zu geben. Sagen Sie… oder ich formuliere es erst einmal anders: Können Sie uns sagen, wie viele Sterne es gibt?

GAST: Unvorstellbar viele. Wir haben es noch nie ge…

BECKMANN: Unvorstellbar viele. Das muss man sich erst einmal vorstellen. Eine unvorstellbare Aufgabe. Eine Aufgabe mit astronomischen Ausmaßen. Also. Lassen Sie uns versuchen, es ein wenig einzugrenzen. Das bringt mich zu der Frage nach Ihrem Team. Was sind das für Leute? Und was in diesem Zusammenhang noch wichtiger erscheint: Wie viele Menschen, Frauen und Männer, sind in Ihrem Team? Wieviel Unterstützung haben Sie? Wer steht Ihnen bei? Wie läuft das bei Ihnen? Wer hilft Ihnen?

GAST: Natürlich schaffe ich das nicht alleine. Mich unterstützen zwei Doktoranden, zwei wissenschaftliche Assistenten und einige Studenten, also etwa zehn Personen, die…

BECKMANN: Moment bitte, ich muss das für die Zuschauer gerade einmal zusammenfassen. Das ist interessant. Das muss man sich erst einmal vorstellen! Soweit dies überhaupt möglich ist. Wir wollen es einmal versuchen: Eine unvorstellbare Aufgabe, eine unvorstellbare Anzahl von Sternen und eine doch sehr übersichtliche Anzahl von Mitarbeitern. Zehn Menschen, Männer und Frauen, und Sie. Elf Personen, Sie mitgerechnet, beschäftigen sich also mit der Entfernung der Sterne. Wie kann das funktionieren? Wie geht das? Was tut man dazu? Wie fühlt sich das an? Was macht es mit einem? Kurz gefragt: Wie entfernt man die denn?

GAST: …?

 

© Reimund Vers

Lexikon der Synonyme

(Innerer Dialog 7.521)

Du?

Hm?

Du, sag mal, was sind eigentlich Synonyme?

Sinnverwandte Wörter, steht im Lexikon.

Und welches, bitte, gibt´ s für „Düne“?  Im Lexikon steht nix davon!

Ach, was ist damit schon sinnverwandt?
Was braucht es da ein andres Wort?
Es handelt sich doch nur um Sand,
um ganz viel Sand an einem Ort.

Du?

Hm?

Du, sag mal, es muss doch immer ein Wort geben, das ein anderes erklärt. Wie zum Beispiel das Wort „Beben“, was, wie man erfährt, auch „Erdbeben“ bedeuten kann.

Komisch…

Was?

Von „Seebeben“ haben sie nichts geschrieben.

Oh, mich
machst Du wirklich irre, Mann!
Meinst Du, beim Seebeben bleibt die Erde ruhig liegen!?

Na gut.
Dann müsste bei „Düne“ aber auch etwas stehen.
Das Synonym kann „Sanddüne“ sein.

Ach? Und dann
wär´ alles gut?

N… nein…
…„Wanderdüne“, würde  dann auch gehen.

Ah! Wut!
Los, schlag schnell nach! Was steht bei Mord oder Leiche?
Du kannst einem im Kopf die Gedanken verdrehen!

Wieso denn? Denk nach! Das ist bei beidem das Gleiche! Die Dünen sind halt immer aus Sand und was da bebt ist immer die Erde!

Und was für ein Wort ist mit „Mord“ sinnverwandt?
Du bist bald schuld, wenn ich wahnsinnig werde!

Warte. Ich hab´ s gleich, ich les´ es hieraus:
„Tötung, Vernichtung, Totschlag und Bluttat“

So nimm´ diesen Streich und such´ Dir was aus!
Ich glaube, dass diese Verrichtung mir gut tat.

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© Reimund Vers

Wahnsinnen

Übrigens, Ihrem Ansinnen, bin ich nach reiflicher Überlegung nachgekommen.

Wie bitte?

Ja, das tat ich. Keine Ursache. Nur keinen Dank!

Sie taten was?

Ich kam ihm nach.

Wem?

Ihrem Ansinnen. Ich instruierte bereits Fräulein Maus, Ihnen einen positiven Bescheid zu senden.

So, so. Wegen meines Ansinnens?

Genau. Warum fragen sie?

Nun, ich erinnere mich gar nicht daran.

Woran?

An das Ansinnen, dem Sie, wie Sie gerade berichteten, nachkamen.

Ach so, ja – ich erinnere mich. Aber es war doch Ihr Ansinnen, dem ich nachkam, nicht wahr?

Ich weiß nicht, aber ich glaube schon…

Na, sehen Sie.

Aha. So, so. Ich sann also an.

Mh?

Ich sann an…?

Wie bitte?

Nichts, ich überlege nur laut. Ich versuche mich zu erinnern.

Woran?

Was ich ansann. Oder sagt man dann „wessen“?

Ich verstehe nicht.

Ich muss doch etwas angesonnen haben, dessentwegen Sie meinem Ansinnen nachkamen.

Ja, das stimmt. Das wird wohl so sein.


Jetzt helfen Sie mir doch! Worum ging denn es in Ihrem Nachkommen?

Meinen Nachkommen?

Ja. Sie sagten doch gerade, Sie seien meinem Ansinnen nachgekommen. Worum handelte es sich denn dabei?

Wobei? Bei meinem Nachkommen oder Ihrem Ansinnen?

Das ist ja wohl jetzt völlig egal!

So? Wenn es Ihnen ganz egal ist, warum reagieren Sie dann so gereizt? Ich weiß wirklich nicht was in Ihnen vorgeht!

Sie haben völlig recht, verzeihen Sie. Ich bin wirklich unhöflich. Schließlich sind Sie dem ja nachgekommen, nicht war?

Richtig, richtig. Das tat ich wohl. Fräulein Maus wird Ihnen ja bald den positiven Bescheid überstellen.

Fein, fein, fein…

Wie meinen?

Nichts, nichts, ich sann nur nach.

Ach, immer noch wegen Ihres Ansinnens?

Ja doch! Bitte helfen Sie weiter! Was genau war es denn nun?

Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen.

Wie bitte? Warum das denn nicht?

Ich kann mich Ihres Ansinnens einfach nicht entsinnen.

Sehen Sie, Sie wissen es doch.


Was? Ich?  Niemals.

Ja, ja, Sie. Sie wissen es doch.

Was weiß ich doch? Was wollen Sie mir da anlasten?

Sie wissen sehr wohl, was in mir vorgeht.

Aber, das wüsste ich doch. Ich wüsste doch, wenn ich was wüsste!


Immerhin wissen sie genau so wenig wie ich, was mein Ansinnen war.

Ok. Das ist leider wahr.

Dann erklären Sie mir doch einfach Ihr Nachkommen.

Mein Nachkommen?

Ja, sicher! Dann werde ich mich bestimmt meines Ansinnens entsinnen.

Ach so.

Ja, so. Also?

Wie, also?

Verraten sie mir nun, worum es bei Ihrem Nachkommen geht?

Ich – glaube – nicht.

Wie, Sie glauben nicht? Sagen Sie, wollen Sie mich ärgern?

Ich – will – das – nicht.


Was ist denn dann jetzt los?

Gar nichts. Ich – kann – das – nicht.

Wie bitte? Warum denn nicht?

Ich – weiß – es – nicht.

Das weiß er nicht. Dies kann er nicht. Jenes will er nicht und manches glaubt er nicht! Sie machen mich bald rasend, Mann!

Ich kann mich eben auch nicht entsinnen. Weder an ihr ominöses Ansinnen, noch an Details meines angeblichen Nachkommens.

Das ist doch die Höhe!  S i e  hatten mir doch eingangs mitgeteilt, Sie seien meinem Ansinnen nachgekommen!?

Ja, sicher!

Wie, ja sicher? Gerade noch schilderten Sie ihre Unwissenheit und jetzt sind Sie sicher? Was, um Himmels Willen, ist mit Ihnen los?

Ich – weiß – es – nicht.

Na, prima! Ich fasse zusammen: Sie sind sich sicher, dass sie nichts wissen.

Nicht ganz…

Nicht ganz, was?

Ich weiß, dass Fräulein Maus Ihnen einen positiven Bescheid zusenden wird.

Woher?

Von hier.

Ich meine, woher wissen sie das?

Sie hat ihn mir doch vorgelegt.


Wen?

Na, den positiven Bescheid. Sie legte ihn mir ja schließlich zur Unterschrift vor.

Jetzt kommen wir der Sache näher! Und weiter?

Wie, weiter?

Was stand drin?

Ach so, das weiß ich doch eben nicht.

Geht das schon wieder los?

Nein, nichts geht schon wieder los. Ich hab es unterschrieben und basta.

Wie, und basta? Sie haben es nicht gelesen. Haben Sie es gelesen oder haben Sie es nicht gelesen?

Warum sollte ich das tun?

Na, hören Sie mal! Sie unterschreiben Sachen, die sie nicht gelesen haben? Das glaube ich ja wohl jetzt nicht! Ich denke, man sollte lesen, was man unterschreibt.

Nicht unbedingt. Sie ahnen nicht, wie viele Schreiben ich täglich zu unterzeichnen habe!

Vermutlich nicht. Und weil es so viele sind, die Sie täglich unterzeichnen müssen, lesen Sie sie erst gar nicht?

Ich habe Ihren Bescheid ungelesen unterschrieben, weil er positiv war.

Wie können Sie das wissen? Sie haben doch nicht darin gelesen!

Fräulein Maus legt es mir so vor. Getrennt voneinander. Vormittags die negativen und kurz vor Dienstschluss die positiven Bescheide.

Lesen also die negativen Bescheide und die positiven nicht?

So ist es.

Warum lesen Sie denn die negativen?

Na, da muss ich eben aufpassen. Das könnte schlecht für uns ausgehen.

Wirklich? Ist das so?

Na, klar. Deshalb sagt man ja „negativ“.

Und die positiven?

Machen Sie Scherze? Die gehen doch gut für uns aus. Deshalb  sagt…

…man ja „positiv“. Ich weiß!

Sehen Sie.

Aber, wenn eine Sache für Sie gut ausgeht, ist es dann nicht für den anderen eher schlecht?

Das ist ausgleichende Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit! Wie können Sie mir dann so fröhlich mitteilen, dass Sie meinem Ansinnen positiv nachgekommen sind?

Das habe ich Ihnen doch gerade erklärt: weil ich es nachmittags unterzeichnet habe.

Da habe ich verstanden. Das – ist – eine – Katastrophe!

Für Sie vielleicht. Worum ging es denn bei Ihrem Ansinnen?

Das habe ich doch vergessen! Darum geht es die ganze Zeit! Und wissen Sie was? Jetzt will ich es auch nicht mehr wissen, Sie Halunke! Sie können mich mal kreuzweise! Guten Tag!

Was gibt es doch für unhöfliche Zeitgenossen. Fräulein Maus, bitte bringen Sie mir die Unterschriftenmappe.

© Reimund Vers

 

ich will sein

ruhig will ich sein, doch nicht verschlossen,
geruhsam möcht´ ich werden, doch nicht faul,
vertrauensvoll bin ich immer wieder, doch nicht gutgläubig,
geduldig will ich sein, doch nicht blind,
hilfreich will ich sein, doch nicht dumm,
flexibel will ich bleiben, doch nicht sprunghaft,
verständnisvoll will ich sein, doch nicht inkonsequent,
konsequent will ich sein, doch nicht stur,
fordernd möcht´ ich werden, doch nicht gierig,
anspruchsvoll bin ich, doch nicht elitär,
gebildet möcht´ ich sein, doch nicht oberschlau,
selbstsicher will ich sein, doch nicht selbstherrlich,
gefühlvoll bin ich, doch nicht sentimental,
großherzig will ich sein, doch nicht einnehmend,
frei will ich bleiben, doch nicht einsam sein,
verliebt will ich sein, doch nicht selbstvergessen,
so großzügig wie möglich, doch nicht selbstvergessen,
aufgeschlossen will ich bleiben, doch nicht naiv,
gewitzt bin ich gern, doch nicht verletzend,
humorvoll möcht´ ich bleiben, doch nicht albern,
aufmerksam will ich sein, doch nicht neugierig,
gesund will ich sein, doch nicht unsterblich

© Reimund Vers

Innerer Dialog 5.673

Immer, wenn ich meine, dass ich gerade ganz toll reime,

kommt irgend so ein Vers daher,…
Da! Da! Der! Ja, so wie der!
…der nicht mehr in den Rhythmus passt
und der, (obwohl der Gag jetzt echt so gut wär‘)
mir allen Spaß verdirbt und mehr… Weißt Du, wie ich meine?

Wer‘ s liest, kann sich kein‘ Reim drauf machen
Und fragt sich stumm und fragt sich still,
„Was der wohl will? Bin ich jetzt dumm?“
(Was soll er and‘ res machen?)
Fragt „Will er etwas sagen? Sag, will er uns was fragen?
Oder will er sich beklagen? Oder will er sich nur schlagen?“

Sich schlagen? Ne, ne, das
sagt man doch nur so, oder nich?
„Reim Dich oder ich schlag Dich!“
Du kennst doch das. Es ist nur Spaß, he, he…

Ich? Ich schlag mich ja bloß mit den Versen herum,
und, ey:
„Dichte nicht, wenns Du‘ s nicht woaßt warum!“,
hört man die alten Dichter mahnen.
Ach, denk ich, warum soll es mich
vorm Henker ohne Richter warnen?

Also. Wohl an!
Frisch gewagt, ist halb gewonnen!
Dann leg‘ mal los! Ich zeig‘ mich dafür auch erkenntlich.

Und? was ist los?

Was, ich? Ach, so!
Oh, Mann! Des Dichters Frische ist zerronnen!

Was?

Tja. So sinnentleert will er nicht schreiben, greint er.
Er will auch nicht hier sitzen bleiben, weint er,
und sich den Blödsinn weiter anhör‘ n.

Ja, das ist auch verständlich.
Doch war es nicht schon gut begonnen?
War nicht schon Schönes mit dabei?
Wird‘ s uns nicht sinnlich weiter heiter antörn’n?

Nein.
Nein, nein, nein und nochmals nein!
Das Pferd war totgeritten.
Warum den Reiter weiter loben?
Es stand schon weiter oben:
der Rhythmus war vernichtet
Der Dichter hat sich nicht verritten, nein!
Er hat sich schlicht verdichtet.

© Reimund Vers