Als Gottes Zorn verschwand

Der Mensch aber befand es nicht länger als ausreichend, sein Leben nach Sonne, Mond und Jahreszeiten auszurichten. Für ein rechtes, gottgefälliges Dasein ersann er also Monate, Wochentage und Uhrzeiten. Für einen jeden Monat, Tag und für jede Stunde erdachte er eine Anzahl heiliger Regeln, an die er sich streng halten wollte.

Und Gott sah, dass die Freude auf Erden zu kurz kommen würde. Und in seiner unermesslichen Liebe zum Menschen erschuf er für ihn die Vergesslichkeit.

Der Mensch aber fürchtete Gottes Zorn ob seiner Unzuverlässigkeit, die heiligen Regeln einzuhalten. Da ernannte er einen Priester und beauftragte diesen, ihn an die Einhaltung der heiligen Regeln zu erinnern. Der Priester bat um ein besonderes Gewand und ein Glöckchen, damit jeder ihn erkannte und er sich Gehör verschaffen konnte. So schlug er Jahr ein, Jahr aus, dem Menschen die Stunde und erinnerte ihn stetig an die Einhaltung der heiligen Regeln. Zu Ehren Gottes.

Und Gott sah wenig Freude auf Erden. Und in seiner unvergleichlichen Güte erschuf Gott für den Menschen den Humor.

Der Mensch aber schämte sich für sein Lachen und der Priester kam sich reichlich komisch vor. Er erinnerte den Menschen an den drohenden Zorn Gottes. Er forderte ein Haus mit großer Glocke und Macht, um der Einhaltung der heiligen Regeln ernsthaft und ordentlich dienen zu können. Daher erfand der Mensch die Strafe und gab dem Priester Haus, Glocke und Macht, um sie auszuüben. So wachte der Priester über das Verhalten des Menschen, ermahnte ihn und bestrafte seine Verfehlungen.

Und Gott erkannte den Ernst der Lage auf Erden. Und in seiner grenzenlosen Geduld erschuf er für den Menschen den Ungehorsam, den Spott und die Satire.

Der Mensch aber erschrak ob seiner eigenen Frechheit und der Priester war bleich vor Wut. Nun fürchtete der Mensch erst recht Gottes Zorn und vielmehr noch den des Priesters. Er vergrößerte sein Haus und fügte einen Turm mit einer Anzahl größerer Glocken hinzu. Der Priester aber erfand seine Unfehlbarkeit, erklärte sich zum Stellvertreter und erzwang von nun an mit Gewalt die Einhaltung der heiligen Regeln. So, dass der Mensch glauben sollte, dies sei der Zorn Gottes.

Und da lacht Gott. Und in seiner unendlichen Weisheit erschuf er für den Menschen unzählige schlechte Witze und Comedians und ergoss sie über die Erde.

Gutmütig ließ er den Blick ein letztes Mal über seine Schöpfung schweifen, seufzte versonnen, wandte sich ab und ging fort für eine Ewigkeit.

Fortan brauchte der gottlose Mensch Gottes Zorn nicht mehr zu fürchten. Doch irgendwie fand er das alles gar nicht lustig.

© Reimund Vers

Titelbild: https://pixabay.com/de/users/Exau_plk-8489955/

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Der Stamm – The Trunk

Ständig Wasser und Licht
in Weisheit und Wachstum verwandelnd,
strebe ich kraftvoll ihren Quellen entgegen.
So diene ich treu dem Himmel und der Erde.
Immer höher kommend,
immer tiefer gehend.

Constantly transforming water and light into wisdom and growth,
I powerfully aspire to their sources.
So I serve faithfully to heaven and earth.
Getting higher and higher,
going deeper and deeper.

Bald sichtbare Orientierung.
Bald Stütze und Schutz
Unter baumstarken Ästen, weitverzweigten Zweigen und
unzähligen Blättern liegt ein schattiges, trockenes Plätzchen.

Soon visible orientation.
Soon rest and protection.
Under tree-thick, widely branched branches
with countless leaves lies a shady, dry small space

Angenehm angelehnt, spürst Du
wie ich mich sanft im Sturm des Lebens wiege.
Manchmal erzähle ich Dir Geschichten oder uralte Märchen.
Dann spiele ich wieder mit den Sonnenstrahlen, Regentropfen
und mit den Winden, oder verschenke einfach meine süßesten Früchte.

Leaning on pleasantly, you´ll feel
me gently swaying in the storm of life.
Sometimes I tell you stories and ancient fairy tales.
Then again, I play coy with the sun’s rays, the rain drops
and the winds or simply given away the sweetest fruits.

In der Nacht raschele ich alle in den Schlaf
und kitzele am Morgen jene wach,
die noch nicht mit den Vögeln singen.

At night I’ll rustle
all to sleep and tickle in the morning
those who are not yet singing with the birds.

stamm-siegel-06

Das Todesurteil und Brief an den Tod

Mit einem lauten Schrei
erwachte ich aus einem Albtraum,
in welchem ich geträumt hatte,
dass alles nur ein Albtraum sei.

Ich träumte, in Wahrheit
wäre das alles normal.
Der Himmel über mir und um mich herum
alle diese lieben Menschen.
Ich träumte, ich ging.
Ich ging
und ging überall hin.
Ohne Ziel und
ohne Grenzen.

Dann aber erwachte ich und
sah die immer gleiche Zimmerdecke,
sah die immer weißen Wände,
fühlte die immer harte Liege,
sah den immer leeren Stuhl und
sah den immer leeren Tisch.

Und ich fühlte, dass es schon
so lange so wahr war.
Und ich wusste,
dass ich noch nie wusste,
warum.
Warum ich?
Warum hier?
Warum trifft es mich
und nicht den Mann vor der Tür?

Der Mann vor der Türe lachte,
Ja, ja. Das kennen wir ja!
Diese Träume hat hier jeder,
wenn der Tag gekommen ist.

Der Tag ist gekommen?
Für mich ist der Tag gekommen?
Was heißt das? Der Tag ist gekommen.

Das heißt, dass Sie heute
etwas ganz besonderes
zum Essen bekommen.
Haben Sie dazu einen
bestimmten Wunsch?

Essen? Wieso essen?
Wie könnte ich essen,
wo doch der Tag gekommen ist?
Und was heißt das eigentlich?
Der Tag ist gekommen.

Es ist Ihr Tag. Ihr besonderer Tag.
Entscheiden Sie sich für ein Festmahl.
Sie dürfen auch mit jemanden reden.
Möchten Sie einen Geistlichen sprechen?

Ja, reden wir denn nicht?
Was geschieht an meinem besonderen Tag?
Reden Sie! Reden Sie mit mir.
Mit wem sollte ich denn sonst reden?
Ich kenne doch hier niemand anderen.

Ich kann dazu nichts sagen.
Möchten Sie einen Rabbi sprechen?

Einen Rabbi? Wozu sollte ich
mit einem Rabbi sprechen?

Ich kann dazu nichts sagen.
Möchten Sie einen Priester sprechen?
Einen Pfarrer? Einen Mönch? Einen Guru?

Einen Guru? Ich soll mit einem Guru sprechen?
Mit einem Priester, Pfarrer oder Mönch?
Sagen Sie, muss ich sterben?
Soll ich deshalb mit den Geistlichen sprechen?
Muss ich sterben?

Ich kann dazu nichts sagen.
Wir haben auch einen Psychologen.

Ich glaube es nicht.
Ich kann es einfach nicht glauben.
Ich glaube ohnehin nichts.
Um Himmelswillen, holen Sie
den Psychologen!
Vielleicht kann der wenigstens
meinen Verstand retten.

Wie geht es Ihnen heute?
Wie läuft der Tag?

Wie mein Tag läuft?
Spitze! Ich sterbe heute!
Davor bekomme ich etwas
wirklich Ausgezeichnetes zu essen.
Mir geht es prima.
Es könnte nicht besser sein!

Das klingt doch gut.
Warum bin ich hier?
Worüber wollen Sie mit mir reden?

Warum Sie hier sind?
Es geht doch viel mehr darum,
warum ich hier bin!
Also, warum bin ich hier?
Ach so, und wo Sie gerade hier sind:
Können Sie meinen Verstand retten?

Heute ist Ihr Tag. Das bedeutet,
Sie werden heute sterben.

Das habe ich bereits selber
herausgefunden, vielen Dank!

Bitte, gern.

Aber warum? Was habe ich getan?

Nichts.
Dafür mussten Sie nichts tun.

Hören Sie, ich drehe gleich durch.
Ich weiß nicht, wie ich hier hergekommen bin,
nicht, wie lange ich schon hier bin.
Ich hatte kein Verfahren und bis heute keine
Anklage. Woher stammt dieses
verdammte Todesurteil?
Und nun zum Mitschreiben:
Was – habe – ich – falsch – gemacht?

Nichts.
Sie wurden weder beschuldigt noch verurteilt.
Ist das nicht eine gute Botschaft?

Sie verstehen das nicht, Mann!
Du liebe Güte! Und so etwas ist Psychologe!
Es muss doch einen Grund geben.
Für so etwas gibt es immer einen Grund.
Sagen Sie mir, seit wann feststeht,
dass ich sterben soll!

Ok. Ich denke, das kann ich ihnen sagen.

Na, also! Warum nicht gleich so?
Schießen Sie los!

Bevor ich Ihnen eine exakte Antwort geben kann,
benötige ich noch Ihr Geburtsdatum.
Wann sind Sie geboren?

Selbst im Angesicht des Todes
sind Sie übertrieben bürokratisch.
Sehe ich wie ein Betrüger aus?
Benötigen Sie noch meine Postleitzahl,
zum Abgleich?

Nein, das ist kein Formalismus.
Sie werden es sehen.
Also,  wann ist Ihr Geburtstag?

Am achten Februar Neunzehnhundertfünfundsechzig.

Dann steht Ihr besonderer Tag,
Ihr Tod,
seit einundachtzig Jahren,
vier Monaten
und 16 Tagen fest.
Noch Fragen?

Ja.
Was ist das hier?
Der Raum.
Dieses Gefängnis.

Das ist Ihre Art, damit umzugehen.
Sie baten mich doch darum, Ihren
Verstand zu retten. Warum gestalten
Sie nicht erst einmal den Raum um?
Versuchen Sie einmal mit ein bisschen Farbe.

Wie bitte?

Ja, probieren Sie es aus!
Es ist Ihre Phantasie, nicht meine.
Ich bin hier nur der Psychologe.
Und während Sie
auf Ihre leckere Mahlzeit warten,
nehmen Sie Papier und Stift und
schreiben Sie dem Tod
einen Abschiedsbrief.

Brief an den Tod

Da warst Du ja. Von Anfang an.
Ich konnte Dich bloß nicht ertragen.
Doch jetzt komm´ ran und hole mich
Ich muss nicht mehr verzagen.
Wohl, weil Du es selber bist,
und nicht nur einer
Deiner Schatten.

Außerdem hatten wir
schon ohne Dich begonnen,
mein Leben und ich.
Ich wurde geboren und
schon war es zerronnen

Ich stotterte es ab.
Ich zahlte in Raten, und spielte auf Zeit.
Bis heute starb ich oft
schon aus Angst
vor meiner Zahlungsunfähigkeit.

Oder aus Angst
vor dem Sterben der Arten,
vor Krieg und Atom, um den Job.
Angst, nichts zu erben
und der Arbeit im Garten.
Angst, zu verlieren,
Angst, zu gewinnen,
Angst, irgendetwas zu kapieren
Angst, endgültig zu spinnen.

Ein Teil von mir starb mit Mutter und Vater,
ein Teil von mir starb mit unserem Kater,
ein großer Teil mit der älteren Schwester
und mit zwei Freunden.
Und ein Teil stirbt noch immer an jedem Sylvester.

Immer
und immer wieder
starb ich durch das Ende einer Liebe,
starb aus Mangel an Vertrauen,
vor Trauer und vor Einsamkeit.
Ich vertrocknete, verdurstete und verhungerte.
Ich ertrank, verbrannte und erstickte.

Ich starb vor Angst, und vor Wut.
Vor Durst und Hunger kam ich um.
Vor Lust und Gier verging ich schlicht.
Heute weiß ich nicht genau warum,
doch gut:
Vor Langeweile starb ich nicht.

 © Reimund Vers

Stell Dir vor (Imagine)

Es gibt gar keine Hölle
Denk´ da mal drüber nach
und im Himmel keine Engel
einfach nur das blaue Dach

Du und ich und alle Menschen leben doch im Hier und Jetzt

Es gibt auch keine Staaten
stell´ Dir vor, wie das ist
keinen Grund, dafür zu sterben
und auch zum Töten nicht

Und völlig ohne Religionen, lieben alle Menschen sich

Du, Du hältst mich wohl für einen Träumer,
doch ich weiß, ich bin nicht allein
Und sobald auch Du dabei bist,
wird unsere Welt nur eine sein

Es gibt auch kein Besitztum,
schwer vorstellbar, nicht wahr?
Keinen Grund für Gier und Hunger
Es ist genug für alle da

Du und ich und alle Menschen teilen sich eine Welt

Du, Du hältst mich wohl für einen Träumer,
doch ich weiß, ich bin nicht allein
und sobald auch Du dabei bist,
wird unsere Welt nur eine sein

© Reimund Vers (in Liebe und Bewunderung für John Lennon)

Kretische Katzen

Auf Kreta,
schau zu,
da sitzen die Katzen auf Mauern...

...Hafenmauern,
siehst Du,
die die Boote beschützen
vor der See, 
der mal dunklen, mal hellen,
und manches Mal rauen
doch meist hellblauen,
zuweilen hellgrünen, 
oder türkisen,
oder grün-blauen
mit weißen Tupfen
auf funkelnden Wellen...

Fischerboote,
weißt Du,
so weiße und blaue
und auch die weiß-blauen,
die die Fischer besitzen...

Männer,
sieh zu,
die die Netze verstauen,
mit ledernen Händen,
zerfurchten Gesichtern
und Augen, die blitzen,
die die Boote nun wenden 
und in die Dämmerung fahren.

Auf Kreta,
hörst Du,
da nisten die Schwalben
und es fliegen die Spatzen...

...ja, ja, die Schwalben auch.
Sind ja die wahren Akrobaten
am azurblauen Himmel, da
sieht man gut der Schwalbe 
weißen Bauch
und die Spatzen, die streiten
sich toll im Gewimmel
und machen auch von allen
die meisten Geräusche...

...im Hafen,
der voll ist
von Kisten und Kästen
von Seilen und Tauen
von Netzen und Katzen,
die da sitzen und lauern...

auf die Fischerboote,
verstehst Du,
die schwer beladen
mit heutigem Fang
die Mauern umrunden
im Sonnenaufgang
und freudig begrüßt werden
von räudigen Hunden...

...Fischerhunde,
weißt Du,
die die Katzen so hassen,
die die Fischer früh morgens
im Hafen gelassen,
die die Kisten bewachen
für den kommenden Fang,
die sich sorgen und winseln
und schließlich und dann
sich bei der Rückkehr der 
Fischer vor Freude bepinkeln,
und
die die Katzen nicht
an den Fang heran lassen,
weshalb die Katzen die
Hunde der Fischer so hassen
und
die Spatzen
die die Katzen
ganz rüde umfliegen,
welche davon vom Kopf
bis zum Schwanz hin ermatten
und nach gerade 
gestiegener Sonne
ganz müde im Schatten
´rumliegen,
während die Hunde der Fischer, 
die den Fang grad verkaufen, 
gediegen mit Wonne
vom Raufen verschnaufen.

Auf Kreta,
gib acht,
da schlafen die Spatzen,
die die Katzen im Übrigen 
für Erzfeinde halten,
in den Ritzen und Spalten
der weißen Wände und Mauern.

Der Tag geht zu Ende und
im Licht von den Sternen
da sieht man sie lauern...

...die Katzen von Kreta,
Du hast Dir´s gedacht,
die nächtens erwachen
und sich auf ihren Weg
zu den Tavernen machen...,

wo die Fischer,
siehst Du,
nun trinken, essen und lachen,
bei Mysthos und Raki
singt der Koch
noch lustige Lieder...

Da siehst Du sie wieder,
die Katzen von Kreta...
...unter jedem Tisch ist
eine alleine.
Sie streift Deine Beine
und kauert und lauert...

...und bekommt schließlich
doch von dem Fisch 
noch das Beste:
den Kopf und die Gräten
und von Allem die Reste.

Auf Kreta,
komm schauen,
da kauern die Katzen
unter den Tischen
und kauen,
und kauen...

© Reimund Vers

Im Nu

Ich kannte einen Augenblick,
den kannte ich nur flüchtig.

Man nannte ihn „Im Nu“, er war
im ganzen Land berüchtigt.

Er war ein kurzer Augenblick,
im Nu war er verschwunden.

Doch hat in diesem Augenblick
stets alles stattgefunden.

© Reimund Vers

Ich träum´Dir was (4)

Schau! Ich träum´ Dir eine Segelyacht,

schwimmt in der See, der feuchten.

Sturm, Flaute oder Nebelnacht,

der Turm dort, der muss leuchten.

Er leuchtet allen Leuten heim,

die heimwärts sich bewegen.

Den Andren scheint er hinter drein,

das wird die Stromrechnung belegen.

© Reimund Vers