Der Stamm – The Trunk

Ständig Wasser und Licht
in Weisheit und Wachstum verwandelnd,
strebe ich kraftvoll ihren Quellen entgegen.
So diene ich treu dem Himmel und der Erde.
Immer höher kommend,
immer tiefer gehend.

Constantly transforming water and light into wisdom and growth,
I powerfully aspire to their sources.
So I serve faithfully to heaven and earth.
Getting higher and higher,
going deeper and deeper.

Bald sichtbare Orientierung.
Bald Stütze und Schutz
Unter baumstarken Ästen, weitverzweigten Zweigen und
unzähligen Blättern liegt ein schattiges, trockenes Plätzchen.

Soon visible orientation.
Soon rest and protection.
Under tree-thick, widely branched branches
with countless leaves lies a shady, dry small space

Angenehm angelehnt, spürst Du
wie ich mich sanft im Sturm des Lebens wiege.
Manchmal erzähle ich Dir Geschichten oder uralte Märchen.
Dann spiele ich wieder mit den Sonnenstrahlen, Regentropfen
und mit den Winden, oder verschenke einfach meine süßesten Früchte.

Leaning on pleasantly, you´ll feel
me gently swaying in the storm of life.
Sometimes I tell you stories and ancient fairy tales.
Then again, I play coy with the sun’s rays, the rain drops
and the winds or simply given away the sweetest fruits.

In der Nacht raschele ich alle in den Schlaf
und kitzele am Morgen jene wach,
die noch nicht mit den Vögeln singen.

At night I’ll rustle
all to sleep and tickle in the morning
those who are not yet singing with the birds.

stamm-siegel-06

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Wer 2016 sonst noch so starb…

Am Ende dieses Jahres wurde – nicht zuletzt in den sozialen Medien – den kürzlich verstorbenen Zeitgenossen gedacht. Auch ich empfinde es so, dass  in den letzten zwölf Monaten unfassbare viele bedeutende Menschen starben.

In ihren Facebookchroniken posteten die meisten Nachrichten vom Tode Prominenter wie Muhammed Ali, Bud Spencer, David Bowie, George Micheal, Leonard Cohen, Prince, Götz George, Roger Willemsen, Peter Lustig und, und, und…  Und ich erfuhr von jedem dieser Verstorbenen viele viele Male, weil es wirklich jeder als Neuigkeit in seiner Chronik teilte, um seinen Freunden mitzuteilen, wie sehr es ihn berührte. Oder vielleicht auch nur damit es alle erfuhren, die sonst keine Nachrichten bekamen. Aber nie postete irgendwer, dass jemand verstorben sei, der ihm wirklich nahe stand.

Warum?

Teilt sich die Trauer um die „Helden“ der Kindheit und Jugendzeit leichter mit anderen, als die über verstorbene Väter und Mütter, Brüder und Schwestern?

Ich mache mal den mutmaßlichen Anfang:

Im Februar starb meine Mutter, im Mai 2016 mein Vater. Wenngleich sie schon lange kein Paar mehr waren, so blieben sie Eltern von zwei Söhnen und einer Tochter. Der Tod der Tochter und Schwester, 33 Jahre zuvor, riss eine Lücke ins Leben, die sie nie überwanden. Ich traure um alle drei und um die wenigen wertvollen Momente, in denen wir alle mal eine Familie waren.

Vielleicht bin ich

Vielleicht  bin ich ein Dichter,
vielleicht  bin ich ein Denker.

Ganz gleich, denn sicher bin ich
ein Geschichten-gern-Verschenker,
ein Erzähler, Unterhalter,
ein Gedichte-schnell- Gestalter.

Bestimmt ein wenig  Komödiant
und ganz gewiss bin ich Tragöde (oder heißt es Tragödist?),
der offensichtlich  amüsant,
doch hoffentlich nicht blöd ist.

© Reimund Vers

Aufruf zur Verschwörung

Los!

Lasst uns alle zu Verschwörern werden!

Lasst uns die Verschwörungstheoretiker in den Schatten stellen.

Lasst uns zu Verschwörungspraktikern werden.

Los!

Verschwören wir uns!

Jetzt!

Verschwören wir uns, zu denen zu gehören,
die sich nicht so schnell den Mund verbieten lassen.

Verschwören wir uns, die zu sein,
die nicht alles kaufen und fressen, was ihnen vorgesetzt wird.

Verschwören wir uns in Gruppen,
die sich zu Recht Freunde nennen, weil sie nicht bloß ihr eigenes Süppchen kochen.

Verschwören wir uns zu Bekennern,
die zugeben, dass sie Profiteure jener hundertjährigen Ausbeutung sind, vor deren Folgen jetzt so viele Menschen fliehen.

Verschwören wir uns zu Mutigen,
die nicht die Rache der Armen und Schwachen fürchten, sondern um deren Barmherzigkeit und Verzeihung bitten.

Verschwören wir uns zu Großherzigkeit,
indem wir teilen in der Not – und zwar nicht erst in der eigenen.

Verschwören wir uns zu Menschen,
die teilen, was sie haben, weil sie es haben.

Lasst uns alle zu Verschwörern werden,
welche die kruden und dunklen Theorien über das Verschwören über Bord werfen.

Jetzt.

© Reimund Vers

Verzweiflung über Lottogewinn – Armer Dichter will das Geld nicht

Ein armer Dichter aus dem südlichen Westen,
unter Dichtern gehört er zu den üblichen Besten,
gewann am Mittwoch eine Million im Lotto.
Sodann überkam ihn große Not.

Er glaubte fest: Die Armut macht mich kreativ.
Mit soviel Geld geht das wohl schief.
Das ist des Dichters Seele Tod!

Gleich wie ein Tier, so kroch sie ihm
den Rücken hoch, saß bald in seinem Nacken.
Die schiere Angst vor Schreibpapier, sie schien ihn schon zu packen.

Ein,  zwei –  nein besser drei Tafeln Schokolade,  werden sie nicht ganz verhindern,
nicht aufhalten die Schreibblockade, vielleicht ganz leicht vermindern.

Es reicht für die Hände
für einen Hilfeschrei, gekritzelt oder schnell getippt….
Doch an wen?  Und wie und wohin hin jetzt damit,
und wer liest am Ende die getipselte Kritzelei?

Vielleicht als virtuelle Flaschenpost
im Datenstrom gesendet,
liest aus des Facebooks Massenhost,
jemand, der das verwendet,
dass unser Dichter Hilfe sucht,
bevor er denn verendet.

So sitzt er da und hofft und hofft, dass sich nun jemand fände,
der sich des Dichters Geld erbarmt und es für ihn veschwände.

Was tätet Ihr? Wie gäbt ihr aus,
die eine Million Scheine?
Malt hier mal das in allen Farben aus,
ihr wisst schon , wie ich’s meine!
 

© Reimund Vers

ich will sein

ruhig will ich sein, doch nicht verschlossen,
geruhsam möcht´ ich werden, doch nicht faul,
vertrauensvoll bin ich immer wieder, doch nicht gutgläubig,
geduldig will ich sein, doch nicht blind,
hilfreich will ich sein, doch nicht dumm,
flexibel will ich bleiben, doch nicht sprunghaft,
verständnisvoll will ich sein, doch nicht inkonsequent,
konsequent will ich sein, doch nicht stur,
fordernd möcht´ ich werden, doch nicht gierig,
anspruchsvoll bin ich, doch nicht elitär,
gebildet möcht´ ich sein, doch nicht oberschlau,
selbstsicher will ich sein, doch nicht selbstherrlich,
gefühlvoll bin ich, doch nicht sentimental,
großherzig will ich sein, doch nicht einnehmend,
frei will ich bleiben, doch nicht einsam sein,
verliebt will ich sein, doch nicht selbstvergessen,
so großzügig wie möglich, doch nicht selbstvergessen,
aufgeschlossen will ich bleiben, doch nicht naiv,
gewitzt bin ich gern, doch nicht verletzend,
humorvoll möcht´ ich bleiben, doch nicht albern,
aufmerksam will ich sein, doch nicht neugierig,
gesund will ich sein, doch nicht unsterblich

© Reimund Vers

Augenblick mal, Ludwig…

Auf dem Weg zur Charité in Berlin machte ich mir die fürchterlichsten Vorstellungen, was mich erwarten würde. Tage zuvor wurdest Du unter dramatischen Umständen zweimal am Gehirn operiert. Wie sieht so jemand aus? Sind Schäden verblieben, gingen Fähigkeiten verloren? Ich versuchte, mich auf der langen Autofahrt zu beruhigen. Schlimm würde es nicht sein. Du solltest ja in Kürze nach Hause entlassen werden. Doch weil ich seit Jugendtagen ein sehr schlechtes Gefühl bekomme, sobald ich ein Krankenhaus betrete, gelang mir es nicht, meine Aufregung im Zaum zu halten. Den Gang entlang vom Aufzug zu Deinem Krankenzimmer wurde mir leicht übel.

Ich betrat das Zimmer und bekam sofort weiche Knie. Mein Magen verkrampfte sich, als ich sah, dass Bett und Zimmer leer waren. Ehe ich die Situation begriff, öffnete sich die Tür zum Badezimmer. Heraus kamst Du, nackt und nass, mit einem Badehandtuch in der einen und dem Ständer mit Infusionen in der anderen Hand. „Hallo Reimund, ich war grad´ mal duschen.“

Ich schwankte zwischen zur Hilfe eilen oder Hilfe holen und realisierte, dass die Situation, wie sie sich mir bot, anders war, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich stand da wie angewurzelt und brachte nur hervor: „Darfst Du das?“

Deine knappe Antwort war: „Nö.“

Nach Deiner Entlassung verbrachten wir noch (einige) Tage gemeinsam und Du erzähltest mir, wie Du die Zeit nach der OP erlebt hattest. Du hattest Dich nicht abfinden können,  tatenlos zu bleiben, während andere damit beschäftigt seien, Dich zu reparieren. So lagst Du stundenlang wach und konzentriertes Dich mental auf die Extremitäten, die bewegungsunfähig „sozusagen vom Gehirn abgeschnitten waren“. Du stelltest Dir bildhaft vor, wie Du Befehle vom Kopf durch die Nervenbahnen zum Fuß schicktest, damit er sich bewegte. Du hättest nach und nach Kontakt aufgenommen zu allen Deinen Muskeln und so eine drohende Lähmung verhindert.

Du sagtest, es seien winzige elektrische Impulse, die man mit Geisteskraft durch den Körper sende, um die Muskeln zu bewegen. Der menschliche Wille und sein Geist seien reine Energie.

„Augenblick mal, Ludwig,“ sagte ich, „von der Energie sagen wir, dass sie sich nicht im eigentlichen Sinne `verbraucht`, dass sie nur woanders hin fließt und ihren Zustand wechselt. Falls der menschliche Geist reine Energie ist, müsste das Gleiche für ihn gelten, wenn ein Mensch stirbt.“

„Richtig,“ sagtest Du und strahltest mich triumphierend an „es ist wie mit dem Geld…“

Und so ist es nun auch mir Dir, lieber Ludwig. Du bist nicht wirklich weg. Deine Energie – und die ist und war immens – ist in anderer Form woanders. Ein Bisschen hattest Du mir davon geschenkt und ich danke Dir dafür.

Dein Reimund Vers