Augenblick mal, Ludwig…

Auf dem Weg zur Charité in Berlin machte ich mir die fürchterlichsten Vorstellungen, was mich erwarten würde. Tage zuvor wurdest Du unter dramatischen Umständen zweimal am Gehirn operiert. Wie sieht so jemand aus? Sind Schäden verblieben, gingen Fähigkeiten verloren? Ich versuchte, mich auf der langen Autofahrt zu beruhigen. Schlimm würde es nicht sein. Du solltest ja in Kürze nach Hause entlassen werden. Doch weil ich seit Jugendtagen ein sehr schlechtes Gefühl bekomme, sobald ich ein Krankenhaus betrete, gelang mir es nicht, meine Aufregung im Zaum zu halten. Den Gang entlang vom Aufzug zu Deinem Krankenzimmer wurde mir leicht übel.

Ich betrat das Zimmer und bekam sofort weiche Knie. Mein Magen verkrampfte sich, als ich sah, dass Bett und Zimmer leer waren. Ehe ich die Situation begriff, öffnete sich die Tür zum Badezimmer. Heraus kamst Du, nackt und nass, mit einem Badehandtuch in der einen und dem Ständer mit Infusionen in der anderen Hand. „Hallo Reimund, ich war grad´ mal duschen.“

Ich schwankte zwischen zur Hilfe eilen oder Hilfe holen und realisierte, dass die Situation, wie sie sich mir bot, anders war, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich stand da wie angewurzelt und brachte nur hervor: „Darfst Du das?“

Deine knappe Antwort war: „Nö.“

Nach Deiner Entlassung verbrachten wir noch (einige) Tage gemeinsam und Du erzähltest mir, wie Du die Zeit nach der OP erlebt hattest. Du hattest Dich nicht abfinden können,  tatenlos zu bleiben, während andere damit beschäftigt seien, Dich zu reparieren. So lagst Du stundenlang wach und konzentriertes Dich mental auf die Extremitäten, die bewegungsunfähig „sozusagen vom Gehirn abgeschnitten waren“. Du stelltest Dir bildhaft vor, wie Du Befehle vom Kopf durch die Nervenbahnen zum Fuß schicktest, damit er sich bewegte. Du hättest nach und nach Kontakt aufgenommen zu allen Deinen Muskeln und so eine drohende Lähmung verhindert.

Du sagtest, es seien winzige elektrische Impulse, die man mit Geisteskraft durch den Körper sende, um die Muskeln zu bewegen. Der menschliche Wille und sein Geist seien reine Energie.

„Augenblick mal, Ludwig,“ sagte ich, „von der Energie sagen wir, dass sie sich nicht im eigentlichen Sinne `verbraucht`, dass sie nur woanders hin fließt und ihren Zustand wechselt. Falls der menschliche Geist reine Energie ist, müsste das Gleiche für ihn gelten, wenn ein Mensch stirbt.“

„Richtig,“ sagtest Du und strahltest mich triumphierend an „es ist wie mit dem Geld…“

Und so ist es nun auch mir Dir, lieber Ludwig. Du bist nicht wirklich weg. Deine Energie – und die ist und war immens – ist in anderer Form woanders. Ein Bisschen hattest Du mir davon geschenkt und ich danke Dir dafür.

Dein Reimund Vers

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