Beziehungsweise

Du wolltest mich,
ja, ja, das wolltest Du!

Beziehungsweise,

ich wollte Dich,
ja, ja das wollte ich, Du!

Beziehungsweise,

dein wundervolles Ich
wollte mein wundervolles Ich.

Beziehungsweise,

mein wundervolles Ich
wollte dein wundervolles Ich.

Ei, dann trafen sich
zwei ganz andere ich!
Ein ich,
das sich für Dich hält,
und eins,
das sich für mich hält.

Sie stritten sich, die anderen Ich,
beziehungsweise Egos.
Sie stritten sich ganz fürchterlich,
bewarfen sich mit Legos.
Darüber, was ja gar nicht geht.
Wie´s offensichtlich besser wär.
Wer augenblicklich nichts versteht,
Wer wann in wessen Suppe spuckt.
Wer dümmer wär,
wer schlauer guckt.
Wo wäre man,
wo käm´ man hin,
wenn keiner mehr zur Suppe ging?
Was wäre, wenn es anders wär?

So stritten sie von früh bis spät,
ob gar nichts muss, ob alles geht
und fanden gar keine Ende mehr.

Und eigentlich haben, wolltest Du mich,
beziehungsweise
und eigentlich haben, wollte ich Dich.

Doch unsere Egos, die sahen nur sich
beziehungsweise
was sie für sich gehalten haben.

Und was wir zum Schluss bekamen,
waren haufenweise Stuss und Dramen.

© Reimund Vers

 

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eine kleine Wartegeschichte

Opa sieht Lukas zu, wie er mit seinem Smartphone daddelt.  Die Frage, ob sie zusammen spielen sollen, hat Lukas noch nicht beantwortet. Opa sitzt geduldig da und schaut und schaut.

„Was ist, Lukas, wollen wir spielen?“

„Ich spiele ja.“ sagt Lukas.

„Was Richtiges.“ sagt Opa.

„Mach ich doch.“ sagt Lukas.

Opa sitzt da und guckt und guckt. Lukas daddelt.

„Oder soll ich Dir eine Geschichte erzählen, Lukas? Das magst Du doch.“

„Ja, Opa, gleich.“

Opa sitzt und guckt. Er guckt nichts an und scheint durch die Wand hindurch und in die Ferne zu schauen. Opa erinnert sich an die Zeit als er noch ein Kind war. Als er so alt wie Lukas war. Da ging sein Opa mit ihm auf die Festwiese. Dort gab es für die Kinder ein Karussell und Zuckerwatte und für die Großen Bier und einen Mann mit einem großen Hammer. Der verlieh den Hammer gegen einen Groschen an andere Männer. Sein Opa schlug mit dem großen Hammer doll auf einen Bolzen, dass etwas nach oben flog und an eine Glocke schlug. Von denen, die das probierten, schafften es die stärksten, dass der Bolzen die Glocke traf. Das Klingen der Glocke war so laut, dass es dem Opa als Kind noch lange in den Ohren klang. Auf dem Schild daneben stand „Hau den Lukas“, erinnert sich Opa. Er überlegt, ob es deshalb heute heißt, dass einer was auf die Glocke bekommt. Kann nicht sein, denkt Opa, gibt´s alles gar nicht mehr. Heutzutage bestimmt alles verboten.

„Was ist jetzt?“ fragt Opa den heutigen Lukas.

„Ja, glei – eich!“ ruft Lukas, „Warte Opa!“

„Wie, gleich?“ Opa hakt gereizt nach.

Lukas schaut genervt auf und ruft: „WARTE!!!“

„Was sagst Du da? Warte? Warte! ist mein zweiter Vorname. Erzähl mir nix, da bin ich der Profi. Meine Geduld kennt keine Grenzen. Ich wartete schon, da wart ihr alle noch nicht auf der Welt. Jetzt setz Dich hierher und leg das Ding weg!“

Der strenge Ton in Opas Stimme bewegt etwas in Lukas. Er legt das Smartphone beiseite und setzt sich artig neben Opa. Opa hat ein Klingen im Ohr, wie von einer Glocke. Er beginnt:

„Meistens wartet man, dass die Zeit vergeht. Und die vergeht unterschiedlich, wie Du bemerkt hast, oder? Es kommt nämlich auf die Zeit an. Also nicht auf die Dauer sondern auf die Art der Zeit. Es gibt acht Zeitarten: Frühlingszeit, Sommerzeit, Herbstzeit, Winterzeit, Eiszeit, Auszeit, Mahlzeit und Wartezeit. Auf die Art der Zeit kommt es an und auf das eigene Alter. Es hängt vom Alter ab, wie man die unterschiedlichen Zeiten wartend erlebt.

Man hat sozusagen selbst unterschiedliche Zeitalter. Menschen durchleben acht unterschiedliche Zeitalter: Kinderzeit, Jugendzeit, Arbeitszeit, Freizeit, Nachtzeit, Elternzeit, Altersteilzeit und Greisenzeit. Und so empfindet jeder die verschiedenen Zeitarten nach eigenem Lebenszeitalter unterschiedlich. Am deutlichsten spürt man den Unterschied bei der Wartezeit.

Als Kind wartete ich auf alles sehnsüchtig. Ich sehnte mich nach Samstag und Sonntag, wartete auf den Osterhasen, auf Sommer- Herbst und Winterferien, auf den Nikolaus und auf´ s Sandmännchen. Ungeduldiger wartete ich auf Bartwuchs, darauf, dass die Sommersprossen verschwinden, meine erste Freundin zu küssen und ich wartete echt ständig auf den Bus. Ich wartete auf Einlass ins Kino und auf das heißersehnte Abschlusszeugnis.

Später habe ich die Warterei mit Geduld verfeinert. Ich wartete auf den Frühling, auf frische Ideen, auf Ankommende und Abreisende,

auf einen Hit,
auf Hüh! und Hott!,
auf Hin und Her
und Dick und Doof.

Das Warten wurde zur Passion. Darum richtete ich mein ganzes Leben darauf ein. Mein winziges Kinderzimmer wurde zum Wartezimmerchen, das später einem ausgewachsen Warteraum wich. Die Wände beklebte ich vom Boden bis zur Decke mit unzähligen Wartemarken, die ich als Jugendlicher sammelte.

Als junger Erwachsener begann ich, zu bauen. Erst waren es kleine Wartehäuschen, die ich selber baute. Und später, in meinen großen Wartehäusern, richtete ich prunkvolle Wartesäle ein. Die habe ich selbst gewartet und war ihr erster Hauswart. Meine Warterei nahm größere Ausmaße an. Ich errichtete wunderbare öffentliche Wartehallen, die ich mit hunderten Wartenden zu füllen begann. Die Leute waren begeistert und standen stundenlang in einer Schlange an, um dort hineinzukommen. Was waren das für herrliche Bilder von endlosen Warteschlangen!

Kein Wunder. Wer sich früh professionalisierte, der kam schnell in den sogenannten Wartestand. Im Wartestand wartete man in aller Ruhe auf den Ruhestand.

Und dort warteten alle anderen auf einen. Und die kannte man alle. Da! Der fiese Abwart, der fleißige Hauswart, der Tankwart mit den verschmierten Händen und der verlässliche Zeugwart, der Turnwart, der roch nach Geräteraum, der grünbehoste Forstwart, der korrekte Kassenwart und der glücklose Torwart. Der strebsame Ersatztorwart, der Pressewart, der alles vorher gewusst hatte, der alte Jugendwart, der betrunkene Hüttenwart und der süße zottelige Hovawart…

Und war das nicht schon immer so?

Wer nicht Wirt war, der war Wart! Wer damals da dagegen war, der war der Gegenwart. Na, klar!

Heute noch hat das Warten Hochkonjunktur. Wir alle warten. Wir warten auf Eingebung, Vergebung, Umgebung. Wer nicht wartet, hat verloren!

Wir warten auf´ s Finanzamt, auf Geld von der Versicherung, auf den kommenden Frühling, unseren Anwalt, auf neue Kundschaft, auf Verständnis, auf den nächsten Tag, den nächsten Zug, auf schönes Wetter und auf bessere Zeiten.

Viele warten auf Einsicht, auf Frieden, auf Gerechtigkeit, oder Absolution. Andere warten auf die Sonnenfinsternis, auf die Müllabfuhr, auf den Kaminkehrer, die Frau von nebenan, den Nachbarn von Gegenüber, den Schlüsseldienst und die Waschmaschine.

Ich warte auf die nächsten Rechnungen, Erinnerungen, Mahnungen, auf ein Zeichen meiner Tochter, auf den Tod meiner Eltern und schließlich auch auf meinen.

Also: komm´ Du mir nicht mit Warte! Dir kann ich locker etwas vorwarten. Da kommst Du nicht mehr nach.

Wie ein Eingeborener der nordischen Eiswelten über 200 Worte für Schnee kennt, kenne ich über 200 Sparten des Wartens. Wartesparten, unterteilt in Warteformen und Wartenormen, in Wartegesetze, Warteverordnungen und Wartevorschriften.

Für die Zukunft plane ich riesige Wartehallen – ach was – Wartestadien werde ich bauen, die von Star-Hallenwärtern mit 60.000 Wartenden gefüllt werden. Große Kollektive warten dort gemeinsam, was das Zeug hält. Der Starwarter unterhält die Wartenden Massen mit Geschichten von seiner dummen Freundin. Die findet zwar keiner lustig, es vertreibt aber allen die Wartezeit. Im Sommer bald beim public-waiting auf Warteplätzen in Wartezonen, mit Platzwärtern und Warteamazonen. Im Freien kann man ausgedehnte Wartewanderungen machen. Wartende mit besonderer Kondition werden Anwärter auf bronzene, silberne und goldene Wartemedaillen.

Schau ruhig da vorbei, wenn Du älter bist. In den meinen Wartehäusern, bekommst Du an den Automaten die erforderlichen Wartemarken, Warteformulare und Wartestäbchen. Bitte Kleingeld bereithalten. Gegen Wartegebühren darf man dort Abwarten und Tee trinken. Genug erzählt. Ich muss jetzt weg. Du wartest hier brav auf Deine Eltern, hörst Du?“

Lukas will wissen, wie lange es dauern wird, bis die kommen und ob er noch weiter mit dem Smartphone spielen darf. Er hat Hunger, soll er warten, bis die Mutter nach Hause kommt?

„Ja, warte es nur ab! Oder wie man in hier sagt: Warte geschwind! Bisch glei dra! Ich bin dann in der Zwischenzeit mal weg und schaue ab und zu vorbei, wie es läuft….“

Er wirft sein Sakko über die Schulter und geht durch die Tür.

„Adieu! Ach, und grüß Godot von mir, falls Du ihn siehst…“

„Wen?“ ruft Lukas hinter ihm her.

© Reimund Vers

Früher…

Es ist schon lang nichts mehr wie Früher

…und da war auch nicht alles schlecht.

 

Man hat ja früher nichts besessen…,

ja, Früher…

da gab´ s noch Ruhe, Ordnung, Recht.

 

Das hat man heute schon vergessen:

zu essen

gab´ s damals nicht viel

 

doch vieles

war noch viel mehr wert.

Um Politik haben wir uns nicht geschert

 

Damals war das noch ganz anders,

da hat man wirklich nichts geahnt.

 

Da wurde noch ganz oft gewandert,

man hat den Tag da noch geplant.

 

Früher… ja,

da hatte man noch Respekt

und niemals Angst, da

hatte man ein Vaterland,

und Mutterwitz mit viel Verstand.

 

Und außerdem verstand

man viel mehr

von dem, was man tat…

 

Höflich war man, und kam pünktlich daher

und achtete Vater und Mutter und Staat.

 

Die Luft war klarer,

und viel schärfer die Messer

die Wahrheit war wahrer

und das Wetter war besser

 

Die Jahreszeiten,

und auch die Gescheiten,

sie kamen und gingen zur richtigen Zeit,

 

da konnten Sie die Uhr nach stellen:

Hunde, die bissen, die konnten noch bellen!

Und wenn es Winter war, dann hat´ s auch geschneit!

 

© Reimund Vers