Gebet eines Narren – (k)eine Weihnachtsgeschichte

Wie lange sind wir jetzt schon hier eingesperrt?“ das Mädchen richtete die Frage an ihren Freund, der sie im Arm hielt und sich bemühte, einen möglichst gelassenen Eindruck zu machen. Die beiden Teenager waren beinahe gleich gekleidet. Blue Jeans, T-Shirts, Sneakers. Die Frau im Pelz links daneben antwortete ohne aufzublicken mit einem tiefen Seufzer: „dreieinhalb Stunden schon.“ Der Mann, der mit ihr gemeinsam den Aufzug betreten hatte, sah zum dritten Male in dieser Minute auf seine Armbanduhr. „Unfassbar“, murmelte er vor sich hin. „Unfassbar, dass es alleine zwei Stunden gedauert hat, bis jemand vom Personal auf den Notruf reagiert hat.“ Er schien Wiederholungen zu lieben. Diesen Satz durften die Anwesenden bereits gefühlte zehn Male gehört haben, seit eine freundliche Stimme aus dem Lautsprecher sie aufgefordert hatte, ein wenig Geduld aufzubringen und sich im Übrigen keine Sorgen zu machen. Es seien bereits Techniker zu ihnen unterwegs. Sie würden das Problem im Handumdrehen finden und lösen. „Und warum dauert es jetzt noch so lange?“ Die Stimme des Jeansmädchens wirkte ängstlich. „Haben Sie keine Angst.“ Der kleine dicke Mann hatte rote Wangen und lieb dreinschauende Augen. Der Klang seiner Stimme war sehr beruhigend. „Die Techniker arbeiten bestimmt nicht in diesem Haus. Vermutlich müssen sie sich vom anderen Ende der Stadt durch den Weihnachtsverkehr quälen. Das kann schon mal etwas dauern.“ „Unfassbar…“ sagte der andere Mann leise zu sich. Nach einem langen schweigsamen Moment meldet sich der Junge zu Wort. „Wir können uns die Zeit doch weiter mit Geschichten erzählen vertreiben.“ Er wandte sich an die Dame. „Sie hatten schon einen spannenden Anfang gemacht.“ „Aber nicht wieder über Aufzüge und Hochhauskatastrophen!“ jammert seine Freundin los. „Das waren keine Geschichten, junger Mann, sondern Presseberichte“ rechtfertigte sich die Pelzdame. „Wahre Begebenheiten…“ „Von denen ich nicht noch mehr hören möchte.“ fleht die Kleine.

„Sie haben Recht. Wir sollten uns lieber etwas Schöneres erzählen. Eine Weihnachtsgeschichte!“ Die Frau im Pelzmantel versuchte die Stimmung zu retten. „Kennt jemand eine schöne Weihnachtsgeschichte?“ Sie sah einen nach dem anderen fragend an. „Eine, die noch keiner kennt, vielleicht?“ Schweigen. „Nun, ich kenne eine Geschichte“, meldete sich der kleine Dicke Mann zu Wort. „Nicht gerade eine Weihnachtsgeschichte. Sie spielt im Hochsommer. Aber, ich finde, sie passt auch irgendwie zu Weihnachten. Ich habe sie schon oft erzählt, weil sie so merkwürdig ist.“ „Worum geht es in Ihrer Geschichte hat sie einen Titel?“ wollte der Junge wissen. „Ich nenne Sie Das Gebet eines Narren. Sie ist wahr und hat sich genau so zugetragen. Ein Mann, den ich kenne, hat sie vor ein paar Jahren erlebt. Ein Anwalt aus einer hochangesehenen Kanzlei. Ich nenne ihnen daher nicht seinen wahren Namen und werde auch nichts darüber verraten, woher ich den Mann kenne und wie mir seine Geschichte zu Ohren gekommen ist. Sie müssen mir versprechen, dass sie mir dazu keine weiteren Fragen stellen. Einverstanden?“

Er sah sich in der Runde um. Die Pelzdame lächelte aufmunternd, das Mädchen nickte. Ihr Freund hob zustimmend beide Handflächen und ließ sich auf den Boden nieder. „Wie könnte man da noch widersprechen? Bitte erzählen Sie!“ Das Jeansmädchen setzte sich ebenfalls auf den Boden und kuschelte sich an ihren Jungen. „Sehr gerne. Doch bevor ich zum eigentlichen Vorfall komme, muss ich Ihnen den Anwalt eingehend beschreiben. Das ist wichtig, damit deutlich wird, wie ungewöhnlich es ist,  dass ausgerechnet Jens Waldheim – so nenne ich ihn für die Erzählung – dass ausgerechnet er eine solche Merkwürdigkeit erleben musste…“  Nun setzte sich auch die Frau im Pelz auf den Boden und sah fragend zu ihrem Begleiter hinauf. Dieser sah reflexartig auf seine Armbanduhr, verdrehte die Augen und zischte „Unfassbar!“ Und: „Herr im Himmel…“ Die Frau unterbrach ihn und zog ihn an seinem Ärmel zu sich herunter. „Wir möchten jetzt weder Dein Fluchen, noch Deine Gebete hören.“ Dann wandte sie sich wieder an den freundlichen dicken Mann. „Bitte erzählen Sie uns von Ihrem Anwalt Jens Waldheim. Wir hören gespannt zu.“ Der setzte sich behäbig umständlich und lächelte dem anderen freundlich zu, als ihre Knie aneinander stießen.

„Zum Beten“, begann der Dicke nun endlich seine Geschichte,  „ging er nicht in die Kirche. Er gehörte keiner Konfession an, war nicht gläubig. Jens Waldheim war überzeugt, dass es eine höhere Ordnung gab, eine alles steuernde Macht. Für eine bestimmte Religionszugehörigkeit und der Ausübung der dazugehörigen Rituale oder dem Beiwohnen ihrer Zeremonien reichte es dem fünfzigjährigen Juristen nicht. Er respektierte zutiefst die religiösen Bedürfnisse anderer, bewunderte oder beneidete sie ein wenig. Ihm waren diese religiösen Gefühle nicht suspekt. Sie waren ihm fremd.

Dennoch gehörte es zu seinen Gewohnheiten, hin und wieder ein Gotteshaus zu besuchen. Öfters auf Reisen und vor allem im Sommer, wenn es heiß war, sah er sich gerne eine schöne Kirche oder eine prunkvolle Kathedrale an. Er genoss die Kühle und die Stille der eindrucksvollen Gebäude und erfreute sich an ihrer Architektur und ihren Kunstwerken. Im Urlaub fotografierte er jedes von außen wie von innen. Er achtete darauf, dass er alleine war, dass er zumindest keinen anderen Besucher störte.

Das war ausgeschlossen. Jens Waldheim war ein unauffälliger Typ. Niemand auf der Welt konnte behaupten, dass dieser Mann ihm aufgefallen sei oder, dass er ihn gestört habe. Er entzog sich, so gut es ging, jeglicher menschlicher Sinneswahrnehmungen.

Waldheim war weder gut aussehend, noch gab es an seiner Erscheinung herausragend Hässliches:

  • Er war nicht groß genug, um andere zu überragen, aber auch nicht klein.
  • Seine Haare waren ihm noch nicht kreisrund ausgefallen, wie es bei anderen Altersgenossen der Fall war, die sich zur typisch archaischen Managerglatze entschlossen.
  • In seiner mittelblonden, mittellangen Frisur waren die vorhandenen grauen Haare nicht wahrnehmbar.
  • Seine Haut hatte einen gesunden Teint, der an leichte Segelbräune erinnerte. Er vermied zu lange Aufenthalte in der Sonne, wegen seiner diffusen Angst vor durch Sonnenbrand verursachtem Hautkrebs.
  • Da der Bartwuchs – wie seine übrige Körperbehaarung – nicht stark war, fiel es ihm leicht, wie frisch rasiert auszusehen.
  • Er trug Anzüge in gedeckten Farben und weiße Hemden mit Manschetten. Bei der Auswahl seines Schuhwerks legte er Wert auf gediegene Qualität. Seiner Ansicht nach war es ein wirtschaftlicher Fehler, in diesen Dingen sparsam zu sein. Die gutsitzenden Maßarbeiten bewirkten, dass seine leicht untersetzte Figur sportlicher erschien. Er trug seine Kleidung in keiner geschäftlichen oder staatsmännischen Manier. Im Gegenteil. Er sah so normal darin aus, wie andere in Freizeitkleidung und Turnschuhen. Das war insbesondere der Fall, wenn er in seiner Freizeit oder im Urlaub auf die obligate, unifarbene Krawatte verzichtete und die ersten beiden Knöpfe seines Oberhemdes offen ließ. Für Waldheim war es unvorstellbar, sich noch legerer in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Auf einem Gruppenfoto, war die Statur des Jens Waldheim kein Anlass gewesen, dass der Blick eines Betrachters an ihr haften geblieben wäre.

In manchen Räumen, kann man noch den Geruch der Menschen wahrnehmen, welche diesen längst verlassen haben. Den Juristen Waldheim bemerkte man selbst dann nicht, wenn er hinter einem stand. Rasierwasser oder andere Düfte ließ er nicht an seine Haut. Deodorants, Cremes und andere Artikel für die Körperpflege, die Jens Waldheim benutzte, waren parfumfrei. Ein eigener Körpergeruch schien nicht von ihm auszugehen und falls es so war, konnten ihn nur Tiere wahrnehmen. Vielleicht nicht einmal die. In einer Begegnung mit Hunden und Katzen erschraken diese vor dem Mann, weil sie ihn weder riechen noch hören konnten, bevor sie ihn sahen.

Waldheim bewegte sich geräuschlos. Doch er schlich nicht herum. Er achtete vielmehr darauf, dass sein Schritt der Situation und der Umgebung angemessen war. Wenn er es eilig hatte, ging er gerade so zügig wie erforderlich. Menschen, die ihr Nahen durch auffällig lautes Schreiten kund taten und dies noch durch andere Geräusche unterstreichen mussten, hielt Jens Waldheim für anmaßend. Er vermied lautes Atmen, Schnaufen oder öffentliches Husten oder Niesen. Er fand ein solches Gebaren unschicklich, wenn nicht obszön. Richtig peinlich waren ihm Zeitgenossen, die mit sich sprachen oder vor sich hin brabbelten.

Von einigen Menschen behauptete man, sie seien keine Freunde vieler Worte. Mit vielen Worten hatte er es in seiner Tätigkeit als Anwalt täglich zu tun. Überwiegend waren dies geschriebene Worte. Schriftlichkeit konnte Jens Waldheim gut ertragen. Mehr noch. Das geschriebene Wort, der geschliffene Satz, ein präziser Ausdruck, eine gelungene Formulierung mit Satzzeichen an richtiger Stelle, Punkt, Absatz, das war seine Welt. Geschriebener, verbindlicher, nachlesbarer Text, das war sein Element. Waldheim hasste das Sprechen. Er sprach, wenn eine Situation es erforderlich machte. Seiner Ansicht nach gab es genügend andere Wege, Informationen auszutauschen.

Es gab Kollegen, Anwälte, Notare oder Richter, die kamen nicht bloß in einen Raum, wenn sie durch eine Tür gingen. Sie traten auf. Ihr Erscheinen hatte etwas von einem sich öffnenden Vorhang. Sie veränderten damit ihre Umgebung, dass der Eindruck entstand, jemand habe am Dimmer gedreht oder ein zusätzliches Licht eingeschaltet. Man sagt, solchen Menschen nach, sie seien präsent. Waldheim fand, sie präsentierten sich. Sie redeten viel und laut. Sie zogen in der Regel alle Aufmerksamkeit auf sich. Jens Waldheim war nur da. Seine Umgangsformen waren ruhig und bestimmend. Jedwede Hitze oder Polemik waren ihm fremd. Niemand bemerkte sein Kommen. Niemand vermisste ihn, wenn er gegangen war.

Als Anwalt war er ein akribischer Arbeiter, perfektionistisch und bis ins Detail vorbereitet. Seine Ziele erreichte er ohne Aufheben und die Erfolge feierte er im Stillen. Seine Unscheinbarkeit war Programm, sein Stil, seine Lebensweise.

Für Leute, die nicht wie er waren, für laute, riechende, polternde Individuen, welche in kurzen Hosen und T-Shirts die historischen Ortskerne südlicher Urlaubsstädte bevölkerten, hatte er kein Verständnis. In Begegnungen mit diesen Mitmenschen schämte er sich regelmäßig, weil er – obwohl korrekt gekleidet – unfreiwillig ein Merkmal mit ihnen teilte: eine Spiegelreflexkamera. Wenn ganze Touristengruppen durch Kirchen latschten, suchte er das Weite und kehrte später noch zurück.“

Es knackte kurz im Lautsprecher. Der dicke hielt inne. Da meldet sich die freundliche Stimme. „Bitte haben Sie noch etwas Geduld. Unsere Techniker stehen in einem Verkehrsstau. Es wird noch etwa eine Stunde dauern, dann wird man sie sofort befreien.“ Der Begleiter der Pelzdame formte gerade mit seinen Lippen ein U, als er einen leichten Stoß von der Seite bekam. „Uff“, entfuhr es ihm und er schaute die Dame erschrocken an. Der Erzähler setzte seine Geschichte fort.

„Bei einem stillen, touristen- und kameralosen Kirchenbesuch geschah Jens Waldheim, dem kühlen Strategen, dem unscheinbaren Mann ohne Glauben, etwas Unglaubliches. Noch lange konnte er sich das Erlebte nicht richtig erklären.

Er hatte während einer Geschäftsreise Zeit, einen ausgedehnten Spaziergang durch Köln zu unternehmen. Dort bewohnte er ein gutes Hotel, neben dem Hauptbahnhof, wo er am Vormittag angekommen war. Man gab ihm ein Zimmer, aus dessen Fenster Waldheim den Kölner Dom sehen konnte. Er legte seinen Koffer auf das Bett und packte seine Sachen aus, führte ein kurzes Telefonat mit seiner Kanzlei und hatte bis zum Abend keine weiteren beruflichen Verpflichtungen.

Als er aus dem klimatisierten Foyer auf den Gehweg trat, schlug Waldheim die heiße Sommerluft ins Gesicht. Es roch nach Teer und Autoabgasen. Vor dem Eingang ging der Gruß des uniformierten Wagenmeisters im Lärm des Straßenverkehrs unter. Jens Waldheim schaute sich suchend um, bis er in der Nähe eine Gruppe Passanten am Straßenrand stehen sah und erkannte eine Fußgängerampel. Er macht sich auf den Weg dorthin. Der Fußgängerüberweg schien die einzige Möglichkeit weit und breit zu sein, die auf die andere Straßenseite und damit in Richtung Dom zu gehen.

Drüben angekommen, ging er zur Domplatte, wie die Einwohner der Stadt am Rhein den Platz vor dem Hauptportal des mächtigen Kirchenbauwerks nennen. Dort erhoben sich die beiden großen gotischen Türme des Doms vor dem strahlend blauen Himmel. Durch seine Schuhe hindurch konnte Waldheim die Hitze des steinernen Bodens des Platzes spüren. Die Sonne brannte durch die Kleidung auf seiner Haut. Um das riesige Kirchenschiff herum ging zwar ein starker Wind. Der brachte keine Abkühlung und sich fühlte sich eher wie die Luft aus einem Haartrockner an.

Hunderte von Menschen wimmelten durch die Hitze der schattenlosen Domplatte. Dazwischen tummelten sich fotografierende Touristen, jonglierende Artisten auf Stelzen, Kinder, Hunde und Scharen von Tauben. Auf den weiten Stufen saßen ganze Schulklassen von Teenagern und Gruppen von Punkern. Lebende Statuen, römische Zenturien, Spiderman oder Figuren aus Star Wars, standen still auf Kisten und warteten darauf, dass jemand eine Münze in ein bereitgestelltes Behältnis warf, um sich endlich zu bewegen. Zwei Polizisten wurden von einem angetrunkenen Obdachlosen lautstark beschimpft. Einer der Beamten stöberte in den Plastiktüten, welche die Habe des aufgeregt Herumschreienden darstellten. In größeren Abständen standen Musikanten, oder angehende Instrumentalisten, welche im Freien trainierten. Vor dem Besuchereingang des Doms und dem des nahegelegenen Museums standen lange Schlangen von Wartenden.

Jens Waldheim ließ sich in Richtung Fußgängerzone treiben. Durch das Domgässchen, über den Walraffplatz auf die Hohe Straße schoben sich die Menschenmassen an den geöffneten Geschäften vorbei. Ab und zu lösten sich daraus kleinere Gruppen und tropften in die Boutiquen, Cafés, Schuh- oder, Uhrengeschäften, Parfümerien, Apotheken und chinesischen Imbissläden. An anderen Stellen versuchten sich deren Kunden, mit Tüten bepackt heraustretend, in die vorüberziehende Menschenmasse einzufädeln.

An einer Ecke stand ein VW-Bus, lackiert in der Trikolore Italiens, mit der Aufschrift „Gelati, ogni giorno fresco“ Der Mann hinter dem Kühltresen war ein echter Italiener. Er trug kurzes mit Pomade zurückgekämmtes lockiges dunkles Haar und einen Schnauzbart. Das Gesicht war pausbackig und unter den dichten Augenbrauen wirkte der Blick seiner kleinen schwarzen Augen ausgesprochen streng. Seine Mundwinkel signalisierten streitbare Entschlossenheit und durch sein Doppelkinn sah es aus, als steckte sein Kopf ohne Hals auf dem geschlossenen weißen Hemdkragen. Wie ein Eisverkäufer sah der nicht aus, fand Jens Waldheim. Eher wie ein grimmiger dicker italienischer Dorfbürgermeister.

Urlaubsgefühle stiegen in dem Anwalt auf und er beschließt, ihnen durch das Verzehren eines italienischen Speiseeises nachzugeben. In der Reihe wartend, beobachtete Waldheim den Schnauzbärtigen, wir er mit seinen Kunden sprach. Auf seine Weise war er freundlich, dabei eine Spur zu süß. Sein Verhalten passte nicht zu seiner strengen Erscheinung und wirkte aufgesetzt. Je jünger und holder die Weiblichkeit seiner Kundinnen, desto übertriebener die anbiedernden Sprüche des Italieners.  Auswahl wie Anzahl seiner Komplimente kannten kein Maß. Er schleuderte sie aus seinem Eiswagen heraus, wie die Karnevalisten beim Rosenmontagszug mit Kamellen und Blumensträußchen um sich werfen. Hatten die Damen Kinder, bekamen die eine Waffel extra mit vielen süßen Worten überreicht. Dazu lehnte sich der Dicke der Art aus seinem Verkaufsfenster, dass Ausrufe des Staunens durch die umherstehende Menschenmenge gingen. Bei einigen älteren Damen erkundigte er sich nach deren Befinden, wie sie das Wetter in diesem Sommer fänden und versprach ihnen vollmundig einen noch schöneren, goldenen Herbst und einen milden Winter. Dann fragte er sie nach Ihren Wünschen, das Eis betreffend. Als Waldheim an der Reihe war, wich all diese aufgesetzte Freundlichkeit aus dem Gesicht des Eisverkäufers. Ausdruckslos bat er um die Bestellung des Anwalts und arbeitete als die Lappalie ab, für die Waldheim sie ohnehin hielt. Dessen Urteil über den dicken Italiener stand fest. Für ihn stellte er das filmreife Klischee eines Provinzpolitikers dar.

Jens Waldheim kaufte sich ein Eis für 2,50 Euro und bezahlte mit einem Zwanziger, den zusammen mit einer goldenen Geldscheinklammer aus der Innentasche seines Sakkos zog. Es war die letzte Banknote, die Waldheim bei sich trug. Er befestigte die leere Klammer anschließend an der für Schreibgeräte vorgesehenen Innentasche. Der Eisverkäufer gab ihm das gesamte Wechselgeld in lauter Euro- und Cent Münzen, während er das tropfende Eis in der Hand hielt. Eine Handvoll feucht-klebriger Münzen landete  in der Tasche seiner Anzughose und kühlte kurz seinen rechten Oberschenkel.

Schleckend balancierte er sein Eis durch die Menschentraube, welche sich hinter ihm gebildet hatte. Um dem weiteren Trubel zu entgehen, setzte er seinen Spaziergang durch weniger betriebsame Seitengassen fort. Ein ruhiges und kühles Plätzchen zum Ausruhen wollte er sich suchen. Das Gedränge der Menschenmengen und die Hitze hatten begonnen, ihn zu ermüden.  Abseits davon würde er sich wohler fühlen. Zwischendurch merkte er sich ein paar markante Stellen, um später den Rückweg zum Hotel zu finden.“

„Ich hätte jetzt auch so gern ein Eis.“ flüsterte das Jeansmädchen ihrem Freund zu. Die Dame im Pelz kramte aus ihrer Handtasche eine Tüte mit Hustenbonbons hervor. Sie reicht sie herum und alle bedienen sich dankbar, aber ohne ein weiteres Wort.

„Nach kurzer Zeit blieb Jens Waldheim am Seitenschiff einer weiteren Kirche stehen. Er sah keine Touristen mehr und andere Menschen. Hier standen ein paar Bäume in deren Schatten sich keine Sitzgelegenheit fand. Er betrat die Kirche.

Ein moderner Windfang aus Glas war mit Zitaten von Adolf Kolping beschriftet. Drinnen war es, wie erwartet, angenehm kühl. Über den spitzbogigen Arkaden befanden, sich kleinere Kirchenfenster. Der gotische Bau hatte einen basilikalen Grundriss. Das Mittelschiff und der Chor gingen nahtlos ineinander über, von Kreuzrippen überwölbt. Die hohen zweibahnigen Fenster im Chor, welche biblische Szenen zeigten, warfen buntes Licht in den Innenraum.

Der Erschöpfte ging durch den Mittelgang und setzte sich rechts auf die erste Kirchenbank vor dem Altar. Er war alleine in der Kirche und so streckte er ungeniert Arme und Beine aus. Die Stille des großen Raumes und die angenehme Temperatur darin taten ihm gut. Entspannt begann er, sich um zu sehen. Die bunten Kirchenfenster waren durch die hoch oben stehende Sommersonne hell erleuchtet und ihr Glas warf vor allem rote und gelbe, seltener blaue und weiße Lichtkleckse auf Wände und Boden. Er bemerkte, dass ein Fensterbild komplett auf den Boden rechts vom Altar projiziert wurde und dessen oberer Bildrand an seinen Füssen begann. Neugierig geworden, wollte Waldheim schauen, ob die Projektion, richtig herum betrachtet, das Bildnis der Bleiverglasung deutlich wiedergibt.  Er schlenderte rechts an der Bank entlang und drehte sich an ihrem Ende neben der ersten Säule um.

Es war wie eine Diaprojektion zu sehen. Unter einer Rosette aus gelbem, blauem und grünem Glas, welches den Himmel, Sonnenstrahlen und Weinblätter darstellte, befand sich der Querbalken des Kreuzes. Daran festgebunden und mit Nägeln durchbohrt die Hände des Jesus. Sein Kopf lag auf einer seiner hochgezogenen Schultern. Über die geschlossenen Augen rann Blut, das aus Kopfverletzungen durch die Dornenkrone lief. Der blaue Hintergrund signalisierte die Dunkelheit während der Kreuzigung. Rechts und links daneben standen betend seine Mutter, Maria und der Jünger Johannes. Maria trug ein weißes Kleid mit Kopftuch und einen roten Umhang darüber, der Jünger war in Rot gewandet. Eine ganze Weile muss er dagestanden und den Boden zwischen Altar und Kirchenbänken angestarrt haben, als sich vernehmlich die Eingangstüre öffnete. Jens Waldheim blickte auf und sah, dass jemand hereinkam, der seine Finger mit Weihwasser benetzte und sich bekreuzigte.

Waldheim fühlte sich augenblicklich unwohl. Für den Eintretenden mochte er eine merkwürdige Figur gemacht haben, wie er dort stand. Der hatte den Anwalt nicht bemerkt. Reflexartig setzte sich Waldheim in irgendeine Kirchenbank zwischen erster und zweiter Säule. Weil er nicht mehr alleine war, nahm er mich eine aufrechte Haltung mit angezogenen Beinen ein und faltete seine Hände in seinem Schoße. Er setzte die Betrachtung der Kirche fort.

Der Mann, der die Kirche gerade betreten hatte, kam in Waldheims Blickfeld. Er war groß und schlank, um die 40 Jahre mit dunklen Haaren und Brille. Er trug eine moderne Jeanshose und ein weißes T-Shirt. Er ging durch die Reihen, bekreuzigte sich mit einem angedeuteten Kniefall und nahm in der Reihe hinter Jens Waldheim direkt am Mittelgang Platz.

Jetzt wurde Waldheim siedend heiß bewusst, dass er momentan einen bedeutend merkwürdigeren Anblick als vorher bot. Wie er dort saß und sich den Hals verrenkte, um das Geschehen über die linke Schulter hinweg zu begaffen. Er schämte sich augenblicklich und rechnete damit, dass sich zu seiner Bestrafung (auch) noch ihre Blicke treffen würden. Der Angekommene sah starr zum Kreuz über dem Altar, setzte sich und sah zum Boden. Jens Waldheim wandte sich im gleichen Moment nach vorne, und schämte sich, ohne wahrgenommen worden zu sein, für sein taktloses Verhalten.

Er schloss die Augen. Die Höflichkeit und der Respekt vor anderen gebührte es, dass er die Kirche verlassen würde. Damit Gläubige hier ungestört den Bedürfnissen nachgehen konnten, für die dieses Haus einst erschaffen wurde. Er hatte zu gehen. Bei früheren Kirchenbesuchen hatte er dieses peinliche Gefühl bekommen, sobald Menschen die Gebäude betraten, um darin zu beten. Er schämte sich, dass er seinen niederen touristischen Bedürfnissen in ungerechtfertigter Weise nachging. Er, der Agnostiker, zahlte keine Kirchensteuer. Welche Freiheit nahm er sich da heraus? Er schickte sich an, aufzustehen. Etwas hielt ihn davon ab.

Es war die Gewissheit, dass seine Anwesenheit endgültig nicht mehr unbemerkt bliebe, wenn er augenblicklich aufstand und quer durch das Gotteshaus ging. Es fiele sicher auf, dass er kein gläubiger Kirchgänger war, weil er sich komplett falsch verhielte. Er wusste nicht, wie richtige Gläubige sich erheben würden, wann sie sich eventuell noch einmal bekreuzigten oder knieten. Am Ausgang angekommen wüsste Waldheim nicht, ob man beim Verlassen der Kirche etwas mit dem dort befindlichen Weihwasser tun musste. Kurz: Sein Outing als Unbefugter wäre gewiss und eine tatsächliche, massive Störung durch ihn nicht mehr zu verhindern. Alles, nur das nicht!

Nein. Er bemühte sich, diese Vorstellungen aus seinen Gedanken zu vertreiben. Er bliebe hier sitzen, bis der gute Christ dort sein Gebet gesprochen und die Kirche verlassen hatte. Dann würde er gehen. Solange er hier säße, sähe er aus, wie jeder andere Kirchgänger. Er hatte bloß alle Kniefälle und Bekreuzigungen, die man machte, getan und war in tiefer Kontemplation. Eine Kontemplation der man ansah, dass der Versunkene nichts und von seiner Umgebung wahrnahm und dass dieser Zustand noch eine Weile andauern würde. Bei diesen Gedanken entspannte sich Jens Waldheim. Er nahm sich vor, die Kühle der Kirche und vor allem ihre Stille zu genießen,  sie in sich hineinfließen zu lassen. Ihm fiel ein, dass draußen brütende Hitze, Straßenlärm und Menschenmengen in Form von Schlangen vor Geschäften und vor italienischen Eisverkäufern auf ihn warteten. Da war es besser, in der Kirche zu sitzen und zu tun, als hielte man innere Einkehr.

Nach seinem jüngsten Beschluss konnte Waldheim sich mit seiner Situation anfreunden und er erinnerte sich an das Kleingeld, welches er durch den Kauf der Eistüte erhalten hatte. Es würde ja ein Opferstock am Ausgang der Kirche stehen. Er würde es komplett dort hineinwerfen. Alles war gut. Niemand kam zu Schaden. Keiner wurde gestört. Frieden hielt Einzug in sein sich abkühlendes Gemüt. Er atmete tief ein und aus und versank tiefer in seine Gedanken.

Sie war eine schöne Einrichtung, diese Kirche. Der Anwalt, Jens Waldheim war mit sich, diesem Gebäude und dem weiteren Besucher im Reinen. Er hatte Zeit, zu entspannen, nachzudenken, sich zu besinnen. Was wollte er mehr?  Da vernahm er die Stimme des Mannes, der in die Kirche gekommen war und sich schräg hinter ihn gesetzt hatte. Der Mann sprach. Er sprach ein Gebet. Waldheim erkannte es. Es nicht irgendeines, es war das Gebet. Er sprach das Vater-Unser. Es war das einzige, welches der Jurist noch aus seiner Kindheit kannte. In Schulgottesdiensten und anderen kirchlichen Pflichtveranstaltungen hatten sie es einst gelernt. Der Betende sprach nicht laut aber deutlich und Waldheim begann, in Gedanken die Worte mitzusprechen. Das kam eher aus einem sportlichen Motiv heraus: Wollen wir mal sehen, ob wir das noch zusammenbekommen. Es war wie bei Gedichten aus der Schulzeit. Wenn später jemand die ersten Zeile oder einen Teil von ihr aufsagte, fielen ihm alle weiteren Verse schlagartig ein.

Amen. Erneut stieg Scham in dem Anwalt auf. Hatte er seinen Banknachbarn gerade beim Gebet belauscht? Nein, nicht belauscht. Das war nicht möglich, weil es unmöglich war, nicht hinzuhören. Die Entfernung zwischen ihnen war zu gering, die Stimme des Mannes zu sonor und seine Aussprache zu deutlich, als dass es Waldheim überhört haben konnte. Ein Belauschen wäre es gewesen, wenn er sich hatte bemühen müssen, um die Worte des anderen zu verstehen. Dieser begann ein neues Gebet. Ein Gebet, welches Jens Waldheim nicht kannte. Ein Gebet, das nicht klang wie ein Gebet, weil es keine alten Formulierungen enthielt. Es musste ein Gebet sein. Jeder Satz begann mit einem „oh, Herr“.

Der Anwalt, Jens Waldheim, wurde unfreiwillig Zeuge eines ungewöhnlichen Gebetes, in dessen Folge Unglaubliches passierte. Sein Leben lang danach konnte er es Zeile für Zeile auswendig:

„Oh Herr,

ich studiere die Geschichte meines Landes, lerne Ökonomie und Ökologie. Ich verfolge jede politische Debatte und höre alle Argumente.

Und nun weiß ich nicht, was richtig ist und was falsch. Das macht mich besorgt und unglücklich.

Oh Herr,

ich höre dreimal täglich Nachrichten, schaue mir Berichte an und lese Magazine. Ich informiere mich detailliert über alle wichtigen Ereignisse in der Welt.

Und nun weiß ich nicht, was wahr ist und was gelogen ist. Das macht mich besorgt und unglücklich.

Oh Herr,

ich habe für jeden ein offenes Ohr, versuche zu helfen, wo (immer) ich kann. Ich treffe viele Menschen und verstehe mich mit allen gut.

Und nun weiß ich nicht, wer mein Freund ist und wer mein Feind ist. Das macht mich besorgt und unglücklich.

Oh Herr,

ich kann essen und trinken was ich will. Alles ist im Überfluss vorhanden. Ich habe viel gelernt über Vitamine, Fette und Kohlenhydrate, Inhalts- und Zusatz- und Farbstoffe.

Und  nun weiß ich nicht, was gesund ist oder was ungesund ist. Das macht mich besorgt und unglücklich.

Oh Herr,

meine Sexualität ist unbeschwert, frei von Ängsten und Hemmungen. Ich genieße die Lust und habe Freude an ihr. Ich bin aufgeschlossen und aufmerksam, zärtlich und einfühlsam.

Und nun weiß ich nicht, ob mein Gefühl echt ist oder, ob es unecht ist. Das macht mich besorgt und unglücklich.

Oh Herr,

ich wünschte, ich wäre ein Narr! Ich bräuchte mir nicht viele Gedanken und Sorgen zu machen und könnte glücklich sein. Amen.“

Die letzte Silbe des Amens in der Kirche verhallte und Waldheim hörte eine weitere Stimme. Ihn traf beinahe der Schlag. War während des Gebetes des Mannes jemand in Kirche gekommen? Ohne ein einziges Geräusch zu verursachen? Nein, unmöglich. Hatte vor Waldheims Kommen jemand in der Kirche gesessen? Das wäre ihm bei seiner Besichtigung nicht verborgen geblieben. War es der Pfarrer?  So musste es gewesen sein.  Der war der aus seiner Sakristei gekommen und hatte sich in die Kirche begeben. Jens Waldheim getraute sich weder die Augen zu öffnen, noch irgendeine Bewegung zu machen. Er wagte es nicht, zu atmen.

„Ich habe Deine Worte gehört.“

Ist es üblich, dass ein Pfarrer den Gläubigen bei ihren Gebeten zuhört?

„Du Glücklicher! Alles was Du Dir wünschen kannst, ist in Erfüllung gegangen.“

Jens Waldheim war überzeugt, keinerlei Kenntnisse von den Sitten in der katholischen Kirche zu haben. Dass ein Pfarrer auf Gebete antwortete, kam ihm jedoch ausgesprochen seltsam vor. Wohnte er einer Art Beichte bei? Wie unangenehm! Die Vorstellung lähmte ihn.

„Das Land, in dem Du lebst, vereint Menschen wie Dich. Ihr schießt nicht aufeinander, sondern streitet mit Worten und entscheidet gemeinsam über Euer Wohl.“

Diese Stimme. Sie kam ihm bekannt vor. Mehr als bekannt. Sie war ihm zutiefst vertraut.  Sie hatte eine beruhigende Wirkung auf ihn. Je länger er ihr zuhörte, desto mehr stieg ein angenehm entspanntes Gefühl in ihm auf. Aus irgendeinem angenehm unerfindlichen Grund, wusste er, dass er nicht angestrengt darüber nachzudenken brauchte, warum die Stimme vertraut war. Das war momentan egal. Er konnte beruhigt hören, was sie sagte. Ihm würde später einfallen, welcher bekannten Persönlichkeit sie zu gehören schien.

„Du kannst Lesen und Schreiben. Der Zugang zu Informationen wird Dir nicht verwehrt. Alle Menschen, die Du kennst, sind Deine Freunde. Die einen kennst Du besser, die anderen nicht. Keiner trachtet nach Deinem Leben. Du leidest weder Durst noch Hunger. Für Deine Gesundheit ist gesorgt und wenn Du krank bist, wird Dir geholfen. Deine Liebe ist groß und unverletzt. Schmerzen und Gewalt sind Dir nie widerfahren. Und weil Du dies alles nicht erkennst, bist Du ein Narr. Du Glücklicher! Alles was Du Dir wünschen kannst, ist in Erfüllung gegangen.“

Eine tiefgreifende Stille trat ein. Eine Stille, die Waldheim schier unendlich schien. Immer noch ging ihm die Frage durch den Kopf, woher er diese Stimme kannte.  Es wollte ihm nicht einfallen. Er hatte das sichere Gefühl, dass er es wusste.

Er lauschte. Nichts. Jetzt war es an der Zeit, dass der Mann hinter ihm irgendetwas von sich geben würde. Ein Dank. Ein Räuspern. Wenigsten eine Bewegung. Es geschah nichts.  Jens Waldheim rührte sich nicht. Am liebsten hätte er sich in Luft aufgelöst und auf der Straße wieder materialisiert. Er wäre kurz in diese Kirche gegangen, um sein Kleingeld in den Opferstock zu werfen und hätte unauffällig nachgeschaut, ob der Pfarrer und der Gläubige noch dort waren. In Wirklichkeit, musste er sitzen bleiben, bis sich die Situation auflöste.

Wie lange saß er regungslos mit geschlossen Augen da? Jens Waldheim wusste es nicht mehr. Seltsamer Weise hatte er nicht bloß das Gefühl für den ihn umgebenen Raum, sondern dazu sämtliches Zeitgefühl verloren. Nicht, dass ihn das beunruhigte. Das Gegenteil war der Fall. Im vollen Bewusstsein dessen, was er gerade erlebt und gehört hatte, fühlte sich alles angenehm vertraut an. Er war im Hier und Jetzt und es ging es gut. Er hatte kein Zeitgefühl mehr und verspürte nicht den geringsten Drang, die Augen zu öffnen oder ein Wort zu sagen.

Fühlt sich so die Ewigkeit an?

Was ist das, Ewigkeit?

Ist Ewigkeit, wenn es kein Vorher und kein Nachher gibt?

Bleibt die Zeit stehen oder gibt es sie noch?

Wozu sollte es Zeit in der Ewigkeit geben?

Zeit misst die Abstände zwischen Vorher und Jetzt sowie zwischen Jetzt und Nachher. Wenn es kein Vorher und kein Nachher gibt, gibt es keine Zeit.

Es ist ein anfang- und endloses Jetzt.

Ein ewiges Jetzt.

Die Ewigkeit ist Jetzt.

Was für ein schöner Gedanke!

Die Ewigkeit ist jetzt.

Man musste nicht erst ewig darauf warten. Man brauchte nur das Vorher und das Nachher eliminieren. Was blieb war das Jetzt.

Das Jetzt in aller Ewigkeit.

In Ewigkeit.

Amen.

„Hallo? Geht es ihnen gut?“

Na, bitte!  Da war sie. Die schöne und vertraute Stimme. Gleich würde es ihm einfallen, wem sie gehörte. Er musste noch ein Kind gewesen sein, als er mit dieser Stimme angenehm vertraut worden war. Wann war das gewesen? Und wer war es?

„Hallo? Geht es ihnen gut?“

Waldheim erschrak. Wurde er da gerade angesprochen? Wieso wurde er gefragt, wie es ihm ging? Er schlug die Augen auf und sah er seine Füße am Ende seiner ausgestreckten Beine, fühlte sie jedoch nicht. Er blickte nach rechts und links. Beide Arme lagen auf der Lehne der Kirchenbank. Alle vier Extremitäten schienen nicht zu ihm zu gehören. Seine linke Hand hing im Freien. Dort war die Kirchenbank zu ende. Er saß er wieder in der ersten Bank am Mittelgang.

„Sie haben eine ganze Weile geschlafen, nicht wahr?“

Jens Waldheim schaute auf und sah in ein gütig dreinschauendes Gesicht, das sich sofort zu einem herzigen Lächeln verzog, als sie Blickkontakt hatten. Als er an dem Mann vor ihm vorbei sah, erblickte Waldheim das Kirchfenster, welches eine schöne Projektion auf dem Boden gemacht hatte. Das Fenster und die beiden anderen daneben zeigten eine Szenen aus dem Marienleben. Er hätte schwören können, dass die Projektion des Fensters zuvor eine Kreuzigungsszene zeigte. Stimmte es? War er eingeschlafen? Hatte das mit dem Kirchenfenster geträumt? Den Mann, der später hereinkam und betete, konnte er sich nicht eingebildet haben. Seine Zunge löste sich schwer von seinem Gaumen. Er musste wissen, wie spät es war. Er spürte seinen Hintern schmerzen. Von den Hüften abwärts waren Beine und Füße eingeschlafen. Von den Schultern an beide Arme.

„Es ist 22.00 Uhr. Ich muss die Kirche schließen. Sie können ab morgen früh um acht herein. Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Wenn es erforderlich ist, können wir gerne den Herrn Pfarrer anrufen.“

Nein, danke. Es ging. Er muss eingeschlafen sein und mit ihm seine Arme und Beine. Alles tat weh. Das sollte gleich werden. Es war ihm unangenehm. Er hoffte, er hatte nicht laut schnarcht und wohlmöglich eines der Gemeindemitglieder im Gebet gestört. Bei der hageren Erscheinung im schwarzen Anzug, mit kurzen weißen Haaren, buschigen Augenbrauen handelte es sich um den Küster der Kirche. Das Gesicht des Siebzigjährigen schien ausschließlich aus Lachfalten zu bestehen. Seine blauen Augen strahlten Jens Waldheim freundlich an. Er half ihm, sich aufzurichten und führte ihn zum Ausgang. Waldheim entschuldigte sich noch mehrmals. Sicher hatte er den Kirchenbetrieb gestört. Hatte sich niemand beschwert? Es war doch jemand zum Gebet gekommen.

„Nein, nein. Sie brauchen sich nicht zu sorgen. Außer Ihnen war heute Nachmittag niemand hier. Ich habe Sie kommen sehen und mich gewundert, wie lange Sie unsere bescheidene Kapelle besichtigen.  Sie haben so schön geschlafen, dass ich es bis gerade nicht über mein Herz brachte, Sie zu wecken.“

Er lächelte gütig. Diese sanfte Stimme! Waldheim hatte sie im Schlaf gehört. Hatte der Küster in der Kirche nicht mit jemanden gesprochen, während er schlief? Sie waren zusammen im Windfang des Eingangs angekommen und der alte Mann öffnete kopfschüttelnd die Türe.

„Ich sagte es Ihnen. Sie waren der Einzige heute. Und ich war leise, weil ich Sie nicht wecken wollte.“

Sie traten ins Freie. Als der Küster einen beeindruckend großen Schlüsselbund aus der Tasche zog, fiel Waldheim das Kleingeld in seiner Hosentasche ein. Er deutete ihm, einen Augenblick mit dem Abschließen zu warten und erklärte, dass er es heute noch in den Opferstock werfen wollte, da er ab nächsten Tag abreiste. Der Kirchendiener willigte ein und öffnete bereitwillig die Türe. Sie betraten die Kirche und gingen Richtung Opferstock. Der Anwalt nahm das Kleingeld in der Hosentasche in seine Hand und zögerte. Es klebte widerlich aneinander. Er zog die Hand aus der Tasche und zeigte dem anderen die Münzen mit Gelatiüberzug und jede Menge Flusen. Es musste sich ein Tempotaschentuch in Waldheims Hosentasche befunden haben, welches sich mit dem Eis und den Münzen auf eigenartige Weise vereint hatte. Der Küster besah sich das Ganze mit einer Mischung aus Verwunderung, Ekel und Amüsement. Als sie an dem Weihwasser vorbei gingen, gelang es Jens Waldheim gerade noch rechtzeitig, den plötzlichen Impuls zu unterdrücken, an das Becken zu treten. Er blickte in das Gesicht des Küsters und erkannte, dass der es bemerkt hatte. Der Alte zog die Augenbrauen hoch.

„Das, mein Sohn, wirst Du jetzt bitte nicht tun! Gib mir das Geld.“

Die Mahnung war sanft und bestimmend zugleich. Waldheim starrte den Küster an. Diese Stimme! Die Stimme des Küsters schien ihn zu hypnotisieren. Der streckte seine Hand aus. Der Jurist sah auf den Klumpen mit dem Kleingeld in seiner Hand und verfluchte den eisverkaufenden italienischen Dorfbürgermeister mit Schnauzbart. Wieso fiel ihm in diesem Moment gerade der ein? Nicht wegen der klebrigen Münzen. Hatte es mit der Stimme des Küsters zu tun? Was?

„Gib mir das Geld.“

Der Küster bekam die Münzen, steckte sie ein und versicherte, dass er sie in den Opferstock werfen wollte, wenn er sie zuvor gesäubert hätte. Waldheim bedankte sich. Sie verabschiedeten sich herzlich und er begab sich auf den Weg zurück zu seinem Hotel.

Er ging durch die laue Augustnacht, um zur Domplatte finden und fand schnell die Richtung. Er dachte über die Stimme nach. Die Stimme in seinem Traum und die Stimme des Küsters. Sie schienen ein und dieselbe gewesen zu sein. Wie konnte das sein? Der Küster hatte – außer mit ihm – mit niemand anderem in der Kirche gesprochen. Es gab keinen Grund, an seiner Aussage zu zweifeln.

Er bog in eine Straße ein, und sah auf das Gebäude des Westdeutschen Rundfunks. Das war eine Stelle, welche er sich für den Rückweg gemerkt hatte. Ab hier kannte er den Weg zum Hotel. Er studierte im Vorübergehen ein paar Firmenschilder. Auf einem der Schilder stand das Wort Synchron-Studio. Synchron-Studio… Synchron-Studio, ging es Waldheim durch den Kopf. Synchron-Stimme!

Schlagartig lief der ganze Nachmittag und Abend wie ein Film auf einer inneren Leinwand in schwarz-weiß ab. Und von da an war alles klar und während des restlichen Fußmarsches zurück zum Hotel rekapituliert Waldheim nochmals das Geschehene unter dem Aspekt der neuen Erkenntnisse und betrachtete es in einem anderen Licht. In schwarz-weiß.

Der eisverkaufende Dorfbürgermeister glich aufs Haar der Figur des Peppone aus Don Camillo und Peppone. Das war es. Waldheim hatte alles wohl geträumt. Und die Ähnlichkeit des Eisverkäufers mit Peppone musste der Auslöser gewesen sein, dass sein Unterbewusstsein während seines Schläfchens in der Kirche solch einen Streich spielen konnte. Die Stimme, welche in seinem Traum zu dem Betenden sprach, hatte geklungen wie die deutsche Synchronstimme von Christus, der im Film mit dem Dorfpfarrer Don Camillo spricht. Mehrfach hatte er diese Kinostreifen in seiner Kindheit gesehen. Er liebte sie heute noch. Er hatte Christus Stimme aus dem Kino in seinen Traum mit eingebaut. So musste es gewesen sein.“

„Krass!“ sagte das Mädchen. Alle sahen schweigend vor sich hin. Allesamt atmeten hörbar tief ein als ein starker Ruck durch die Kabine ging und der Aufzug sich wieder zu bewegen schien. „Die Techniker, endlich…“ seufzte die Dame und machte Anstalten aufzustehen. Da fiel das Licht aus, der Aufzug kam unsanft zum Stehen und allen entfuhr gleichzeitig ein Schrei des Entsetzens. Sie fassten sich an den Händen oder unter die Arme und halfen sich gegenseitig auf. „Unfassbar!“ schimpfte der Mann. Das Mädchen schluchzte. Es knackte einmal sehr laut, dann glitt die Tür auf und es wurde schlagartig hell. Zwei Techniker in Overalls standen im hell erleuchteten Hausflur vor der Aufzugtüre und hatten zufriedene Gesichtszüge. „Alles in Ordnung bei Ihnen?“ wollte der eine wissen und machte eine einladende Geste. „Ja, alles in Ordnung, „ antwortete der kleine Dicke Mann, „Vielen Dank für Ihre Hilfe.“ Nun bedankten sich auch alle anderen, standen dabei im Halbkreis um die Handwerker und quatschen durcheinander.

„War es ein Traum?“ frage das Jeansmädchen ihren Freund. „Was sonst?“ gab er zurück. „Doch wie konnte es sein, dass der Küster die gleiche Stimme hatte?“ mischte sich die Pelzdame ein. „Das, mein Sohn wirst Du jetzt bitte nicht tun!“ rezitierte sie mit tiefer Stimme und warf ihrem Begleiter, der soeben auf die Uhr sah, einen finsteren Blick zu. Alle anderen lachten.

Die Handwerker begannen, ihre Sachen zusammen zu räumen. Doch die Umherstehenden redeten einfach weiter.

„Es war der warnende Unterton, den der nicht brave Don Camillo vom tadelnden Christus in seiner Kirche zu hören bekam. Dieser Unterton, in dieser gleichzeitig sanften Stimme, war einfach unverwechselbar. “ erklärte der freundliche dicke Mann.

„War der Küster in jungen Jahren vielleicht Synchronsprecher gewesen und hatte den Jesus in Don Camillo und Peppone gesprochen?“ riet der Junge. Die Dame zog die Brauen hoch „Wer weiß? In Köln könnte das möglich sein.“

Als die Techniker alles gepackt und geschultert hatten, schickten sie sich an, in Richtung Ausgang zu gehen. Der kleine Dicke Mann bot der Dame seinen Arm und sie hakte sich unter. Während sie alle nebeneinander her den breiten Gang hinunter gingen, ergriff er nochmals das Wort.

„Jens Waldheim kam nie dahinter. Noch rätselhafter blieb, dass er dieses ausführliche Gebet des Narren im Traum ersonnen haben musste. Dass er im Schlaf gleich noch die weise Antwort von Jesus Christus, gesprochen von seinem Synchronsprecher aus Don Camillo und Peppone, mit erfand. Merkwürdig war auch, dass er dies alles sein Leben lang mehr nicht vergaß.“

„Ich weiß, wir sollen keine weiteren Fragen stellen, aber wie kommt es, dass Sie die Geschichte so detailliert wiedergeben können?“ Der Junge setzte für diese Frage ein gewinnendes Lächeln auf.

Der Dicke lächelte zwinkernd. „Es verhält sich damit ähnlich wie mit den Gedichten aus der Schulzeit. Wenn später jemand die ersten Zeile oder einen Teil davon aufsagt, fallen mir alle weiteren Verse auch wieder ein.“

Beim Hinausgehen sahen die Techniker den Begleiter der Dame im Pelz fragend an. Sie hatten bemerkt, dass er der einzige war, der sich nicht an dieser angeregten Unterhaltung beteiligte. Er erwiderte die Blicke, verdrehte die Augen, wandte sich ab und verließ die Gruppe mit langen Schritten. „Unfassbar!“ hörte man ihn.

© Reimund Vers