Der Stamm – The Trunk

Ständig Wasser und Licht
in Weisheit und Wachstum verwandelnd,
strebe ich kraftvoll ihren Quellen entgegen.
So diene ich treu dem Himmel und der Erde.
Immer höher kommend,
immer tiefer gehend.

Constantly transforming water and light into wisdom and growth,
I powerfully aspire to their sources.
So I serve faithfully to heaven and earth.
Getting higher and higher,
going deeper and deeper.

Bald sichtbare Orientierung.
Bald Stütze und Schutz
Unter baumstarken Ästen, weitverzweigten Zweigen und
unzähligen Blättern liegt ein schattiges, trockenes Plätzchen.

Soon visible orientation.
Soon rest and protection.
Under tree-thick, widely branched branches
with countless leaves lies a shady, dry small space

Angenehm angelehnt, spürst Du
wie ich mich sanft im Sturm des Lebens wiege.
Manchmal erzähle ich Dir Geschichten oder uralte Märchen.
Dann spiele ich wieder mit den Sonnenstrahlen, Regentropfen
und mit den Winden, oder verschenke einfach meine süßesten Früchte.

Leaning on pleasantly, you´ll feel
me gently swaying in the storm of life.
Sometimes I tell you stories and ancient fairy tales.
Then again, I play coy with the sun’s rays, the rain drops
and the winds or simply given away the sweetest fruits.

In der Nacht raschele ich alle in den Schlaf
und kitzele am Morgen jene wach,
die noch nicht mit den Vögeln singen.

At night I’ll rustle
all to sleep and tickle in the morning
those who are not yet singing with the birds.

stamm-siegel-06

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Kretische Katzen

Auf Kreta,
schau zu,
da sitzen die Katzen auf Mauern...

...Hafenmauern,
siehst Du,
die die Boote beschützen
vor der See, 
der mal dunklen, mal hellen,
und manches Mal rauen
doch meist hellblauen,
zuweilen hellgrünen, 
oder türkisen,
oder grün-blauen
mit weißen Tupfen
auf funkelnden Wellen...

Fischerboote,
weißt Du,
so weiße und blaue
und auch die weiß-blauen,
die die Fischer besitzen...

Männer,
sieh zu,
die die Netze verstauen,
mit ledernen Händen,
zerfurchten Gesichtern
und Augen, die blitzen,
die die Boote nun wenden 
und in die Dämmerung fahren.

Auf Kreta,
hörst Du,
da nisten die Schwalben
und es fliegen die Spatzen...

...ja, ja, die Schwalben auch.
Sind ja die wahren Akrobaten
am azurblauen Himmel, da
sieht man gut der Schwalbe 
weißen Bauch
und die Spatzen, die streiten
sich toll im Gewimmel
und machen auch von allen
die meisten Geräusche...

...im Hafen,
der voll ist
von Kisten und Kästen
von Seilen und Tauen
von Netzen und Katzen,
die da sitzen und lauern...

auf die Fischerboote,
verstehst Du,
die schwer beladen
mit heutigem Fang
die Mauern umrunden
im Sonnenaufgang
und freudig begrüßt werden
von räudigen Hunden...

...Fischerhunde,
weißt Du,
die die Katzen so hassen,
die die Fischer früh morgens
im Hafen gelassen,
die die Kisten bewachen
für den kommenden Fang,
die sich sorgen und winseln
und schließlich und dann
sich bei der Rückkehr der 
Fischer vor Freude bepinkeln,
und
die die Katzen nicht
an den Fang heran lassen,
weshalb die Katzen die
Hunde der Fischer so hassen
und
die Spatzen
die die Katzen
ganz rüde umfliegen,
welche davon vom Kopf
bis zum Schwanz hin ermatten
und nach gerade 
gestiegener Sonne
ganz müde im Schatten
´rumliegen,
während die Hunde der Fischer, 
die den Fang grad verkaufen, 
gediegen mit Wonne
vom Raufen verschnaufen.

Auf Kreta,
gib acht,
da schlafen die Spatzen,
die die Katzen im Übrigen 
für Erzfeinde halten,
in den Ritzen und Spalten
der weißen Wände und Mauern.

Der Tag geht zu Ende und
im Licht von den Sternen
da sieht man sie lauern...

...die Katzen von Kreta,
Du hast Dir´s gedacht,
die nächtens erwachen
und sich auf ihren Weg
zu den Tavernen machen...,

wo die Fischer,
siehst Du,
nun trinken, essen und lachen,
bei Mysthos und Raki
singt der Koch
noch lustige Lieder...

Da siehst Du sie wieder,
die Katzen von Kreta...
...unter jedem Tisch ist
eine alleine.
Sie streift Deine Beine
und kauert und lauert...

...und bekommt schließlich
doch von dem Fisch 
noch das Beste:
den Kopf und die Gräten
und von Allem die Reste.

Auf Kreta,
komm schauen,
da kauern die Katzen
unter den Tischen
und kauen,
und kauen...

© Reimund Vers